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Neuneinhalb schlechte Gründe

15. Mai. 2010

Stefan Niggemeier hatte vor zwei Wochen hochinvestigativen Scoop in seinem Blog über ein Kärtchen, das der SWR seinen Mitarbeitern überreicht, damit die sich an die Sender-PR erinnern, wenn es im Freundeskreis hart auf hart kommt. Darauf stehen neun(einhalb) Gründe, warum die ARD „unverzichtbar“ ist.

Niggemeier hat sich zurückhalten können, die einzelnen Argumente auseinander zu nehmen. Ich nicht.

Also, gucken wir mal. Die ARD ist offenbar unverzichtbar, weil:

  • „wir Programm fürs Publikum machen – und nicht, um Werbung zu verkaufen“. Das heißt dann wohl, dass Marienhof und Verbotene Liebe und Brisant fürs Publikum gemacht werden, während Gute Zeiten, schlechte Zeiten und Anna und die Liebe und taff gemacht werden, um Werbung zu verkaufen? Soll heißen: Zwischen 17 und 20 Uhr darf die ARD Werbezeiten verkaufen, und produziert dementsprechendes Programm. Was würde wohl passieren, wenn sie auch nach 20 Uhr Werbung verkaufen dürfte?
  • „wir nicht nur die meisten Zuschauer und Hörer haben, sondern auch die meisten Preise kriegen“. Ja, da steht „kriegen“. Das ist Volksnähe. „Bekommen“ würde voll abgehoben klingen. Aber davon einmal abgesehen: Ihr bekommt 6 Millarden Euro im Jahr an Gebühren und produziert damit 12 Fernsehprogramme (plus vier weitere als Kooperationen) und Gott weiß wieviele Radiosender. Da will ich doch schwer hoffen, dass da der eine oder andere Preis abfällt. Und der eine oder andere Rezipient.
  • „weil alle Programme von ARD, ZDF und Deutschlandradio zusammen 60 Cent am Tag kosten – so viel wie eine einzige Bild-Zeitung“. Die ARD ist also unverzichtbar, weil sie billig ist? Das macht sie ungefähr so unverzichtbar wie Steckrüben, oder?
  • „weil jeder Grund einen Hintergrund hat“. Ähm. Ja. Was soll das überhaupt bedeuten? Ich nehme mal an, es will mir sagen, dass die ARD Hintergrundberichterstattung anbietet, und dass die wichtig ist, für die Demokratie zum Beispiel. Dass der SWR die Notwendigkeit sieht, diese Aussage durch ein (auch noch ziemlich lahmes) Wortspiel zu verschleiern, gibt mir allerdings zu denken.
  • „weil unsere Korrespondenten vor Ort sind – von Mosbach bis Mexiko“. Okay, den Grund lasse ich durchgehen. Auch wenn ich nicht so genau weiß, wann das letzte Mal etwas Spannendes in Mosbach passiert ist.
  • „weil Deutschland eine ‚Pisa-Versicherung‘ braucht“. Und das wäre dann etwas, das die ARD leistet, ja? Wie genau macht sie das denn? Indem sie einfach gar keinei nennenswerte Fernsehprogramme mehr für 10-19-Jährige anbietet? Dadurch sind die Schüler dann weniger vom Lernen abgelenkt, oder wie? Der SWR glaubt nicht wirklich, dass man bei Kaffee oder Tee? doch noch den Dreisatz lernt, oder? (Auch beim Radio ist mir nicht ganz klar, wie lehrreich jetzt beispielsweise DasDing oder N-Joy sein sollen.) Was ist eigentlich mit dem ganzen Schulfernsehen und Telekolleg passiert, das früher in den Dritten lief… das wären doch vielleicht wirklich ‚Pisa‘-relevante Sendungen?
  • „weil wir uns nicht nur für die 14-49-Jährigen interessieren.“ Es ist natürlich gut, dass die ARD (wie auch das ZDF) Angebote im Programm hat, die ältere Leute ansprechen, die von den kommerziellen Anbietern nicht explizit angesprochen werden. Aber mit dieser Aussage macht ihr nur darauf aufmerksam, dass ihr euch für alle außer den 14-49-Jährigen interessiert. Die Kinder haben den KI.KA, die Senioren den Rest. Wenn Unser Star für Oslo etwas gezeigt hat, dann doch nur, dass die ARD sonst genau nichts im Programm hat für die 14-24-Jährigen. Und die 25-49-Jährigen beschränken sich weitgehend auf den Tatort (aber zumindest wissen sie, wo die ARD auf der Fernbedienung liegt).
  • „weil wir mit unseren Konzerten und Festivals der größte Kulturveranstalter Deutschlands sind“. Na super. Da gehen also meine Gebühren hin. Sollten die nicht für Fernsehen und Radio verwendet werden, oder so?
  • „weil Fußball ‚for free‘ besser ist als Pay-TV.“ Das ist natürlich das schlagende, weil populistische Argument. (Deswegen kommt es bestimmt auch zuletzt.) Und Quatsch ist es natürlich auch. Wenn die ARD mit ihrem Gebührenreichtum nicht im Spiel wäre, um die Preise hochzutreiben, würde es sich auch für private Anbieter lohnen, (mehr) Free-TV-Fußballrechte zu erwerben. Die Bundesliga und der DFB-Pokal blieben also auch ohne die ARD aller Wahrscheinlichkeit nach gratis im Fernsehen – und die Länderspiele sowieso; die müssen nämlich schon laut Rundfunkstaatsvertrag im Free-TV gesendet werden!

Oh, das war’s schon. Der zehnte Grund, warum die ARD unverzichtbar ist, sind nämlich „Sie“. Also, der SWR-Mitarbeiter mit dem Kärtchen. Das ergibt zwar auch keinen großen Sinn – es sei denn, es ginge darum, dass die ARD ein bedeutender Arbeitgeber in Deutschland ist -, schleimt aber wenigstens schön ein bisschen.

Den ganzen verdammten Sommer lang

1. Nov. 2008

Ich erwarte von den deutschen Mainstream-Radiosendern, sei es öffentlich-rechtlich oder privat, ja nun ohnehin nicht viel. Die sind so oft so sehr damit beschäftigt, bei niemandem anzuecken, dass sie zu gar nichts anderem mehr kommen. Aber ihr größtes Problem: Sie wissen einfach nicht, wann sie aufhören müssen.

Kennt ihr das? Im Mai, vielleicht im Juni hört man einen neuen Song im Radio und denkt sich: Och ja, der ist ja ganz nett. Beim dritten oder vierten Hören fängt man vielleicht an, ein bisschen mitzusingen, weil man inzwischen den einen oder anderen Brocken vom Text aufgeschnappt hat. Der Song schleicht sich langsam ins eigene Gedächtnis ein und man verschwendet, wie so oft, einiges an Speicherkapazität des Gehirns auf das Auswendigwissen der lyrics.

Dann hört man den Song wieder. Und wieder. Und wieder. Und wieder.

Es wird August. Inzwischen hat man das Gefühl, den Song öfter gehört zu haben als den eigenen Vornamen.

September. Es ist nicht mehr zu ertragen. Man schaltet den Sender um, wenn man nur die ersten Akkorde hört.

Oktober. Man zweifelt an sich selbst und fragt sich, wie man diesen Dreck jemals gut finden konnte. Und warum haben die Radiosender überhaupt damit angefangen, den Song zu spielen? Ganz zu schweigen davon, dass sie das immer noch tun, fünf Monate später, scheinbar ungefähr einmal pro Stunde.

November. Ernsthaft jetzt, immer noch? Ein durchschnittlicher Radiohörer muss den Song inzwischen grob überschlagene 300-mal gehört haben. Reicht das nicht fürs Erste? Können wir dem Titel vielleicht mal eine kleine Pause gönnen, vielleicht so bis 2020? Nein? Okay, wenigstens bis Weihnachten? Auch das nicht? Okay, wo ist mein MP3-Player…?

Das scheint jedes Jahr zu passieren, aber dieses Jahr kommt es mir besonders schlimm vor, darum hier mein Aufruf an alle Radiosender, denen die geistige Gesundheit ihrer Hörer zumindest ein bisschen am Herzen liegt:

Hört endlich, endlich auf, „All Summer Long“ zu spielen!