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Kein frischer Wind

24. Jun. 2010

Nächstes Wochenende wird in Bayern zwar nicht gewählt, aber immerhin abgestimmt. Über das Nichtraucherschutzgesetz. Die Vorgeschichte ist ellenlang und vermutlich kennt sie auch schon jeder, aber um es kurz zu machen: Der Nichtraucherschutz in der Gastronomie war in Bayern sehr streng, dann hat die CSU bei der Landtagswahl viele Stimmen verloren und deshalb das Gesetz gelockert; dann gab es ein Volksbegehren, was erfolgreich war, aber die Politiker wollten sich den Schuh nicht nochmal anziehen, und darum muss das Volk jetzt selbst abstimmen.

Logischerweise gibt es da zwei Seiten. Das Aktionsbündnis „Nichtraucherschutz Bayern“, unterstützt von ÖDP, SPD und Grünen, steht gegen eine Gruppe von Gegnern, von denen das auffälligste „Bayern sagt Nein“ heißt, und dem man wahrscheinlich nicht öffentlich unterstellen darf, von der Tabaklobby unterstützt zu werden.

Wie jeder erwarten durfte, der jemals bei einem Streit zwischen militanten Rauchern und Nichtrauchern zugegen war, wird der Wahlkampf erbittert geführt, und man darf wohl erwarten, dass die Seite gewinnen wird, die am Ende einfach mehr Wähler mobilisieren kann und nicht unbedingt die, die tatsächlich die Meinung der Mehrheit vertritt. Putzigerweise bekommt man von diesem Wahlkampf trotzdem sehr wenig mit. Was man zu sehen bekommt, sind die Plakate der verfeindeten Lager:

Beide sind, auf sehr unterschiedliche Weise, überaus albern.

Das Plakat der Befürworter ist vor allem furchtbar lahm. Ein Wolkenhimmel und ein „Rauchen verboten“-Schild in der Ecke – na super. Immerhin, seine Kernbotschaften (4. Juli und „Ja“) stehen groß drauf, aber es weckt null Emotionen oder Leidenschaft, erst recht nicht Empörung über die gegenwärtigen Zustände. Mobilisierung sieht anders aus.

Und dann erst der Slogan: „Bayern atmet auf“. Ich habe zwei große Probleme mit diesem Slogan: Erstens, er klingt so, als wäre schon alles gelaufen. Bayern atmet schließlich offenbar jetzt schon auf; wozu soll ich also noch zur Wahl gehen? Und zweitens, es macht die potenziellen Wähler zu Opfern: Sie mussten bisher die Luft anhalten, konnten nicht aufatmen, unterdrückt vom bösen Rauchervolk. Sie kämpfen also mit ihrer Stimme nicht für ihre Gesundheit, sondern gegen ihre Mitmenschen. Und wer will das schon? Wer jahrelang Opfer war, ist üblicherweise nicht der Typ, der ganz plötzlich seine Opferbereitschaft aufgibt.

Das Plakat der Gegner ist dagegen wahrscheinlich sehr viel effektiver; trotzdem ist es ebenfalls arg lächerlich. (Es gibt nicht nur das Motiv, das ich oben zeige, sondern mehrere, die fast durchgängig bajuwarische Landschaft und/oder Lebensart zeigen.)

Es fällt einem sofort auf, dass das Wort „Verbot“ gleich dreimal vorkommt. Die Urheber versuchen gar nicht erst, konkrete Argumente darzustellen, sondern hängen das Ganze gleich mal ein bisschen höher: Es „geht um die Freiheit“. Das steht, ob man’s glaubt oder nicht, sogar verbatim auf ihren Werbegeschenken. (Ja, sie haben Werbegeschenke. Das Budget scheint zu stimmen.) Das ist vermutlich nicht ungeschickt, weil es den Befürwortern unterstellt, gegen Freiheit zu sein. Wer will schon gegen Freiheit sein? Da bleibe ich doch lieber zuhause und halte mich ganz aus der Sache raus, oder?

Andererseits ist die Strategie zweifellos auch aus der Not geboren, denn mit dem konkreten Benefit lässt sich schwer argumentieren: „Stimmt mit Nein, damit ihr nicht noch mehr Rücksicht nehmen müsst“ ließe sich eher schwer verkaufen. Aber hey, sie haben zumindest die richtige Strategie erkannt und verfolgt – mehr, als man über die Befürworter sagen kann. Die fünf Intelektuellen, die das Ganze durchschauen, sind eh nicht die Zielgruppe.

Natürlich geht es dafür gleich mal mit dem Holzhammer dran: Verbot, Verbot, totales Verbot. „Totales“ Verbot? Das ist natürlich Schwachsinn – es wäre ein Verbot in allen gastronomischen Betrieben, aber zu einem „totalen“ Verbot fehlen noch ein paar unbedeutende Örtlichkeiten wie beispielsweise alle anderen Arbeitsplätze, von den noch unwahrscheinlicheren, aber denkbaren Orten wie Autos, öffentlichen Straßen und Plätze und Privatwohnungen ganz zu schweigen. Aber „total“ klingt halt so schön nach „totalitär“, was in Verbindung mit dem „Verbotsstaat“ einen hübschen, gut abgestimmten Rahmen bildet.

Hat es auf Basis dieser Plakate eine von beiden Seiten verdient, dass ich hingehe und abstimme? Nein. Inkompetenz gegen Demagogie – tolle Wahl!

Tue ich es trotzdem? Natürlich.

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