Archive for the ‘Buch und Film’ category

Schul-Bücher

1. Mai. 2004

„To stroll down memory lane“, also etwa „über die Erinnerungsstraße flanieren“, sagt der Engländer, wenn man sich ohne erkennbaren Grund der Nostalgie hingibt. Und so hatte ich – ganz offensichtlich – heute Morgen nichts Gescheites zu tun, so dass mir die Idee kam, vielleicht zu versuchen, ob ich noch alle Literatur zusammen bekommen würde, die ich in der Schule lesen musste. Also – nicht die ganzen Gedichte und Kurzgeschichten aus den Lesebüchern, aber zumindest die Dinge, wo man ein eigenes Buch in der Hand hielt (oder zumindest eines der gefürchteten gelben Reclam-Heftchen).

Und natürlich hatte ich nach einiger Zeit eine Liste fertig, und wusste nicht, was ich damit machen sollte. Und wie so oft, wenn ich nix besseres weiß, stelle ich sie hier rein. Damit ihr euch dabei nicht komplett zu Tode langweilt, werde ich sie aber auch noch kommentieren. (Ich weiß, das ist eine große Erleichterung.) Auf los geht’s los:

Es geschah im Nachbarhaus von Willi Fährmann. Das muss in der siebten oder vielleicht doch eher achten Klasse gewesen sein; das erste Mal, das man etwas Längeres lesen musste – mal abgesehen von den für Drittklässler zusammen gestrichenen Versionen von Robinson Crusoe oder Nils Holgersson, die wir Episode für Episode in der Grundschule lesen mussten. Das hier war ein Jugendbuch, in dem es um einen Mord im 19. Jahrhundert ging, der einer jüdischen Familie in die Schuhe geschoben werden sollte – aber in einer Art platonischer Variante von West Side Story hielt ein nicht-jüdisches Kind weiterhin zu seinem semitischen Spielgefährten.

Das Feuerschiff vom Siegfried Lenz. In der Neunten gelesen. (Ich erinnere mich einigermaßen an die Klassen, weil wir fast jedes Jahr einen neuen Klassenraum hatten und ich lustigerweise immer noch weiß, in welchem Raum wir welches Buch lesen mussten. Ich glaube, mir war damals ziemlich oft ziemlich langweilig…) Es ging um ein außer Dienst zu stellendes Schiff, das irgendwie von bösen Buben gekapert wurde, und eine dysfunktionale Vater-Sohn-Beziehung, und dann legte Lenz noch ambossschwere, ständig wiederholte Symbolik oben drauf. Oder vielleicht war das auch nur mein Deutschlehrer.

Die Judenbuche von Anette von Droste-Hülshoff. Oh Gott, zehnte Klasse, und ich habe keine Ahnung mehr, worum es ging, außer, dass es im ländlichen Westfalen spielte, was mich aufgrund der geografischen Nähe zu meinem Heimatort damals schwer beeindruckte, und dass ein Jude ungestraft ermordet wurde. Aber keine Sorge, das Thema „Unrecht gegen jüdische Mitbürger“ begegnet uns noch häufiger.

Betrayed von Carl Taylor. Das war der erste „Roman“, den wir auf englisch lesen durften/mussten, eine von diesen gerade mal so auf Novellen-Mindestlänge ausgedehnten Kurzgeschichten, die extra für Sprachschüler geschrieben werden und sich daher meist auf dem literarischen Niveau von Cornflakes-Packungen bewegen. Hier ging es um einen Jungen, der ins Internat kommt und vom bösen Alpha-Männchen drangsaliert wird, während ein gleichfalls neuer Lehrer (Parallelismus-Alarm!) ihm helfen will. Ich weiß noch, dass ich während der Lektüre in der Zehnten rausfand, dass das Buch für Neuntklässler gedacht war, und danach beleidigt jegliche Teilnahme an der Diskussion boykottierte.

Andorra von Max Frisch. Ohne jeglichen Zusammenhang zum gleichnamigen Kleinstaat geht es hier um einen adoptierten Jungen, der denkt, er sei Jude, und deswegen diskriminiert wird. Dass er sich in seine Halbschwester verliebt, die er naturgemäß nicht haben kann, hilft ihm auch nicht eben weiter im Leben. Warum Frisch meinte, in seine aber-so-was-von-komplett fiktive Gesellschaft des Pseudo-Andorra die echte Ethnizität des Jüdischen einbauen zu müssen, blieb ein Rätsel, aber für uns bedeutete das nur, unsere alten Aufzeichnungn über Antisemitismus ein weiteres mal herauszuholen.

Kabale und Liebe von Friedrich Schiller. Dank geschickter Meidung eines Deutsch-Leistungskurses war dies mein einziger größerer Goethe- oder Schiller-Kontakt zu Schulzeiten, worauf ich bis heute sehr stolz bin. Wenn ich mich recht entsinne – und darauf würde ich nicht wetten, weil es so unfassbar langweilig war – ging es hier wieder um so eine Romeo und Julia-Geschichte, nur dass es diesmal zwei verschiedene gesellschaftliche Stände waren, deren jugendliche Vertreter nicht zusammen finden durften.

Animal Farm von George Orwell. „Nein, Sie verstehen das nicht, Mr. Orwell, Geschichte hatten wir letzte Stunde!“ Wohl meinende, aber völlig überflüssige Nacherzählung der Russischen Revolution auf einem Bauernhof mit sprechenden Tieren, die aber allesamt leider nicht annähernd so unterhaltsam waren wie die in Nils Holgersson. Meine Haupterinnerung an die Diskussion dieses Werks ist die Frage, ob es nun „Tsar“ oder „Czar“ geschrieben wird, was in sich den Enthusiasmus verdeutlichen sollte, den ich dem Ganzen entgegen brachte.

Woyzeck von Georg Büchner. Gähn. Der absolute Bodensatz. Langweiliger als Kabale und Liebe und Das Feuerschiff zusammen genommen – und dabei war es noch nicht mal fertig. Man stelle sich vor, Büchner hätte dieses Machwerk untertassenflacher Charaktere in handlungsfreier Umgebung vollenden können; wahrscheinlich würden wir heute noch schlafen. Ach so, inhaltlich ging es irgendwie um einen wirren Soldaten, der von seinen Vorgesetzten gepiesakt wurde und nicht an die Liebe seines Lebens herankam. So ist das Leben, Junge, komm drüber weg!

Der zerbrochene Krug von Heinrich Kleist. Uns blieb auch nichts erspart. Obwohl ich zu diesem Zeitpunkt – zwölfte Klasse, denke ich – zum überhaupt ersten Mal einen brauchbaren Deutschlehrer hatte, mussten wir uns dieses Monster antun, dessen Handlung direkt aus der zu der Zeit unerklärlich populären Fernsehsendung Peter Steiners Theater-Stadl zu stammen schien: Irgendwie hatte der Dorfrichter (was immer das für eine Funktion sein soll!) beim geheimen Rendezvous mit einem jungen Mädchen unerkannt einen Krug zerbrochen, und musste nun genau diesen Schadensersatz-Fall verhandeln.Wer dann eigentlich angeklagt war und wie die Sache ausging, habe ich offenbar verdrängt.

Das Leben des Galilei von Bertolt Brecht. Erwähnte ich schon, dass ich inzwischen einen wirklich guten Deutschlehrer hatte? Denn das hier war die erste Schul-Lektüre, die mich wirklich begeistert hat. Als die Kirche ihn ins Visier nimmt, muss Galileo Galilei seine wissenschaftliche Integrität abwägen gegen die alltäglichen Notwendigkeiten – wie, beispielsweise, Leib und Leben. Wissenschaft gegen Religion, Wissen gegen Glauben, das waren Themen, die mich begeistert haben. (Natürlich habe ich Brecht fünf Minuten später verflucht, weil ich auf meinem Keyboard die Trompetenstimmen für eine überaus fragwürdige Schulaufführung der Dreigroschenoper spielen musste, aber das ist eine andere Geschichte.)

The Great Gatsby von F. Scott Fitzgerald. Eines muss man Fitzgerald lassen: Wenn es ihm darauf ankam, das Thema „Stil geht über Substanz“ zu verdeutlichen, dann ist ihm das in diesem sprachlich schillernden, vor Symbolik strotzenden Roman, der sich inhaltlich in Ödheit mit der Wüste Gobi messen kann, hervorragend gelungen. Nicht, dass ich mich getraut hätte, das in der Klausur zu schreiben. Es ging um einen neureichen Fatzken, der die tollsten Parties gibt und alles haben kann, nur nicht die blöderweise verheiratete Liebe seines Lebens. Das Ganze war so sinnfrei, dass man praktisch mit jedem interpretativen Bullshit noch eine Eins erzielen konnte – was ich auch beweisen durfte.

Schach von Wuthenow von Theodor Fontane. Nie gehört, oder? Irgendwie war es schon cool, sich jenseits des Fontane-Mainstreams bewegen zu können, und die Geschichte dieser Novelle war auch gar nicht mal schlecht, wenn auch schlicht: Preußischer Offizier verliebt sich in hübsche Witwe, muss sich aber in einem schwachen Moment mit ihrer hässlichen Tochter zufrieden geben. Die wird schwanger, der arme Offizier muss sie heiraten und nimmt sich am Ende das Leben, weil er seine Ehre veroren hat. Ein bisschen wie Woyzeck, nur in gut. Und ein bisschen wie die Klingonen in Star Trek.

Pygmalion von George Bernard Shaw. Die Story kennt jeder, oder? My Fair Lady? Okay. Tja, war ganz lustig zu lesen, und die Themen der Überheblichkeit und der Standesunterschiede waren deutlich sinnvoller aufbereitet als in dem unsäglichen Kabale und Liebe.

Dead Poets Society von Nancy H. Kleinbaum. Das war natürlich die Romanfassung nach dem gleichnamigen Film, und, um in der Tradition der deutlich besseren Versionen früherer Lektüre zu bleiben, eine sehr viel angemessenere Umsetzung des prinzipiell gleichen Stoffes wie Betrayed aus der Zehnten. Ich weiß noch, dass das Buch so kurz war, dass von uns erwartet wurde, es über Nacht zu lesen. Was auch gut zu schaffen war, es sei denn, man hätte just an dem Abend etwas vorgehabt. Gut, dass ich den Film gesehen hatte.

The Merchant of Venice von Shakespeare. Und wieder wird einem Juden Unrecht getan, allerdings erst, nachdem er sich ganz schön daneben benommen hat, und somit ist Shakespeare selbst hier der Bösewicht. Sein zweites Verbrechen: Das Ganze unglaublich langatmig gestaltet. Das ist nicht Othello oder Midsummer Night’s Dream, wo wenigstens gelegentlich etwas passiert – nein, hier wird geredet und geredet und geredet, als wäre es nicht Shakespeare, sondern Zeit der Sehnsucht. Gähn.

Homo faber von Max Frisch. Ja, der Frisch hat mich zweimal erwischt. Und wieder geht es um Inzest (und eine tote jüdische Mutter schwirrt auch nochmal irgendwo rum), so dass es sich hier nicht um hundertprozentig frische Ware handelte. Story: Der Titel“held“ verliebt sich auf einer längeren Schiffsreise in seine eigene Tochter und stirbt später. Aber nur so.

Red Dragon von Thomas Harris. Das kommt dabei raus, wenn man in den letzten Tagen vor dem Letzten Schultag die Schüler selbst entscheiden lässt, welchen modernen Roman sie noch lesen wollen (mein Gegenvorschlag, Philip K. Dicks viel kürzeres Do Androids Dream of Electric Sheep? wurde unverständlicherweise gnadenlos ausgebuht). Harris‘ erster Hannibal-Lecter-Roman ist nichtssagend und routiniert geschrieben, aber wenigstens musste man sich beim Lesen nicht verausgaben.

Wow, habt ihr echt bis hierher durchgehalten? Ihr seid Helden.

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