Das politische Unwohlfühlerlebnis

Manchmal fragt man sich, wie so manche den Leute den Nerv aufbringen, das zu tun, was sie so tun.

Zum Beispiel bin ich gestern über eine neue „Partei“ (gebrauchen wir den Begriff mal in seiner weitesten Bedeutung) gestolpert – mit dem schon mal nicht sonderlich originellen Namen „Die Freiheitlichen“. Die Freiheitlichen scheinen aus immerhin sieben Leuten zu bestehen; jedenfalls stehen sieben Personen mit Namen auf ihrer Website, aber sie konnten die Positionen des Jugendbeauftragten und des Seniorenbeauftragten noch nicht füllen, und der Vorsitzende ist gleichzeitig Pressesprecher und Schatzmeister. Allzuweit dürfte es mit der Personaldecke also nicht her sein.

Nun ist in unserer Demokratie natürlich jeder eingeladen, eine Partei zu gründen und sich politisch zu betätigen; so soll es ja sein. Und es geht auch nicht darum, ob mir das Programm der „Freiheitlichen“ passt oder nicht – obwohl man auch durchaus längere Blogeinträge mit einer inhaltlichen Auseinandersetzung mit deren, hm, als Libertarismus deklarierten breitspektrumspopulistischen Nicht-Ideologie füllen könnte. Und dass ich „national zu unserem Land“ stehen muss, sollte ich Mitglied werden wollen, wirkt auch nicht gerade einladend. Aber ich schweife ab.

Denn worum es eigentlich geht, ist grobe Selbstüberschätzung. Die Website der „Freiheitlichen“ ist nämlich einerseits so ziemlich das unprofessionellste, was ich seit langem gesehen habe (und dabei habe ich erst kürzlich die fast genauso schlimme Seite der österreichischen Anti-EU-Partei überflogen). Und andererseits wird der Ehrgeiz der „Freiheitlichen“ nur noch übertroffen davon, wie wichtig sie sich selbst nehmen.

Es geht schon damit los, dass die URL der Website auf die gewagte grammatikalische Konstruktion „freiheitlichen.de“ hört (ich will verdammt sein, einen Link dorthin zu setzen; wenn ihr euch das Elend selbst ansehen wollt, müsste ihr schon kopieren-und-einfügen). Dabei wären beispielsweise „diefreiheitlichen.info“ oder „freiheitliche.net“ durchaus noch verfügbar gewesen.

Aber die Sache mit der deutschen Sprache ist für die „Freiheitlichen“ ohnehin mehr oder weniger Glückssache. Interpunktion kommt selten vor, und wenn, dann eher da, wo sie nicht hingehört. Und es ist nicht so sehr die Sache, dass sie „das“ und „dass“ nicht unterscheiden könnten; es geht eher darum, die Existenz von „dass“ überhaupt zu bemerken. Überhaupt ist der Text weitgehend „geschrieben wie gesprochen“: Sätze brechen auf halber Strecke ab, Gedanken werden nach der Art des Bewusstseinsstroms aneinander- oder ineinandergeordnet, Metaphern werden vermischt oder machen einfach keinen Sinn („Stellen Sie sich vor, ein Haus eine hübsche Fassade aber keine Bettwäsche auf dem Bett“ [sic] – hä?).

Ein weiterer Favorit: „Die Lage ist mehr als „Ernst“ in unserem Land.“ Ich frage mich, wer denn mehr als „Ernst“ sein kann – „Georg“? „Dieter“?

Aber gegenüber der äußeren Form ist sogar die Sprache noch recht harmlos: Schriftfarbe, Schriftgröße und Schrifttype wechseln geschätzte dreißigmal; auf einer speziellen Unterseite ändert sich die Schriftart ungelogen mit jeder einzelnen Zeile von Arial nach Times New Roman und wieder zurück. Und das Allerbeste: die Rubriken „Warenkorb“, „Zur Kasse“ und „AGB“, die einem ja doch im ersten Moment etwas merkwürdig aufstoßen bei einer politischen Website. Sollten die „Freiheitlichen“ etwa schon soweit sein, dass man bei ihnen Merchandising-Artikel kaufen kann? Natürlich nicht. Die Seite wurde einfach nur mit einem Baukastensystem erstellt, das eigentlich für Online-Shopping-Angebote gedacht ist.

Aber, hey, kommt doch gar nicht so drauf an, oder?

Vielleicht nicht. Aber laut ihrem eigenen Anspruch müssten die „Freiheitlichen“ das eigentlich anders sehen. Auf der Homepage prangt nämlich in riesigen Lettern (und natürlich in Großbuchstaben) ihr Credo/Slogan: „IMMER EIN BISSCHEN BESSER SEIN ALS DIE ANDEREN. DAS IST DAS EHRGEIZIGE ZIEL DER FREIHEITLICHEN.“

Jau.

Denn den „Freiheitlichen“ ist offenbar gar nicht klar, wie albern das alles ist. Ehrgeiz kann eine gute Sache sein: Wer nicht nach den Sternen greift, wird nie etwas bewegen. Aber wenn die Schere zwischen Anspruch und Wirklichkeit soweit auseinandergeht, dann wird es fast schon tragisch.

Das geht auch inhaltlich so weiter. Die Freiheitlichen sind beispielsweise stolz darauf, dass sie „bereits in unserem Info-Flyer 2005 darauf hingewiesen“ hätten, dass es „den Familien in Deutschland (…) immer schlechter“ gehe. Und darauf, dass sie „bereits 2005/2006 darauf hingewiesen“ hätten, dass „die Altersarmut immer mehr zunimmt“. Man kann sich direkt vorstellen, wie die „Freiheitlichen“ sich bei der Recherche-Arbeit zu diesen Themen die Nächte um die Ohren geschlagen haben, um dann zu diesen bahnbrechenden Erkenntnissen zu kommen – und das dann natürlich auch noch als Allererste.

Okay, ein Beispiel noch. Da behaupten die „Freiheitlichen“: „Wir könnten sofort 36. MRD. Euro ( 36.000.000.000) beim Bund und Land einsparen und stellen Sie sich vor „NICHT“ durch Personalabbau.“ (Es gibt nicht genügend [sic] auf der Welt für diesen Satz…!) Und dann spekulieren Sie kokett: „Vielleicht kommt das doch durch unsere Bodenständigkeit.“ Nun ja, hundertprozentig auszuschließen ist das nicht, weil dem Leser nicht weiter erläutert wird, wo die 36 Milliarden herkommen oder wie die „Freiheitlichen“ darauf gekommen sind. Aber ich würde, müsste ich mich festlegen, trotzdem eher auf eine Mischung aus Ahnungslosigkeit und Ungestüm setzen.

Und so weiter, und so fort: Die „Freiheitlichen“ versuchen, sich den ja nun bundesweit monströs medial verwursteten Fall des in der Türkei wegen Kindesmissbrauchs angeklagten Marco zu eigen zu machen, indem sie einen offenen Brief an den türkischen Botschafter in Deutschland schreiben (das wird den Ausschlag gegeben haben); sie versuchen, sich als Vermittler von Ausbildungsplätzen beim Land NRW darzustellen (und so offenbar Adressdaten von Interessenten zu sammeln); sie warnen vor der Abschlagssteuer, die sie gerade frisch entdeckt haben (als Erste und/oder Einzige natürlich; all die Werbebriefe von Banken und Versicherungen aus den letzten Monaten habe ich mir sicher nur eingebildet).

Und manchmal ist das Ganze einfach nur eine sinnfreie Zone, zum Beispiel bei Sätzen wie diesem, und auch der ist nur ein besonders schönes Exemplar unter vielen: „(Wussten Sie,) Das intern von Parteien nach Lösungen gesucht wird, die Armut in Deutschland, die durch Hartz 4 entstanden ist, abzuändern.“ [Sic.] Abgesehen von der ungewöhnlich akkuraten Kommasetzung – was soll mir dieser Satz sagen? Dass sich die richtigen anderen Parteien ein Problem erkannt haben und sich dessen annehmen? Dass die anderen sich nicht trauen, uns Wählern davon zu berichten, dass das Problem existiert (wegen des „intern“)? Beides macht keinen Sinn. Aber, hey…

Eigentlich müsste den Verantwortlichen doch klar sein, dass man sich so nicht eben mit Ruhm bekleckert und auf die Weise auch nicht erwarten kann, erst genommen zu werden. (Die „Freiheitlichen“ geben auch eine „Zeitung“ heraus, behaupten sie. Keine Ahnung, ob die weniger peinlich ist als der Internet-Auftritt.)

Aber nein, die „Freiheitlichen“ haben überhaupt keine Bedenken ob ihrer schwachen Leistung, sondern haben vielmehr große Pläne: Sie suchen nach neuen Mitgliedern, und zwar „(Bundesweit)!“ [sic… ihr wisst schon]. Denn sie wollenwerden erst regional starten und sukzessive solide und bodenständig wachsen.“ Dass das mal klar ist! Und wenn man sie jetzt unterstützt, wird man „später beim Erfolg (sein) Wohlfühlerlebnis erleben“; das steht offenbar außer Frage. Und ist überhaupt nicht zum Schreien komisch formuliert.

Wenn es nicht irgendwo traurig wäre… wäre das alles echt lustig.

Aber was mich beunruhigt: Es müsste den etablierten Parteien ein leichtes sein, mit diesen Amateuren (und das ist jetzt fast schon liebevoll gemeint!) fertig zu werden. Wenn die sie aber ernstnehmen… was sagt das dann darüber aus, wie sich die richtigen Parteien selbst sehen?

Ich muss mir dringend auch mal deren Webseiten genauer ansehen, fürchte ich!

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