Gefundenes Frustfressen

Es hat jahrzehntelang gedauert (was ich auf Naivität meinerseits zurückführen muss), aber heute ist mir endlich aufgegangen, warum politische Diskussionsrunden im Fernsehen für die Zuschauer immer so frustrierend sind. Und dazu musste ich nicht einmal fernsehen, sondern nur Radio hören – allerdings Antenne Bayern, was auch oft sehr unangenehm sein kann.

Aber, am Samstagnachmittag gibt es bei Antenne Bayern immer eine völlig uncharakteristische politische Talkshow, die wohl in den Lizenbedingungen des Senders stehen muss; anders ist sie nicht zu erklären. Darin ging es heute unvermeidlicherweise um das allgegenwärtige Thema Jugendkriminalität. Unter anderem diskutierte der bayrische Innenminister Joachim Herrmann (CSU; als wenn man das dabeisagen müsste), und telefonisch wurde ein Professor Heinz hinzugeschaltet, der sich mit dem Thema schon länger wissenschaftlich befasst und dessen Namen ich leider vergessen habe. (Die MP3-Version des Podcasts gibt es hier.)
Die Stelle, die zu meiner Epiphanie führte, verlief ungefähr so: Der Professor erklärte, dass seinen Forschungsergebnissen zufolge die Pläne der CDU/CSU, das Jugendstrafrecht zu verschärfen, nicht nur sinnlos, sondern sogar kontraproduktiv seien, weil dadurch die Rückfallquoten ansteigen dürften. (Zitat: „Ein falsches Rezept ist nämlich [die] Verschärfung des Jugenstrafrechts. […] Wir machen im Strafvollzug unter Umständen nur aus halbprofessionellen Amateurschlägern professionelle Gewalttäter. […] Es fehlen uns in der Tat stellen im Jugendrichterbereich, im Strafvollzug, vor allem aber im ambulanten Bereich, dort brauchen wir dringend einen Ausbau der ambulanten Maßnahmen.“)

Der Innenminister entgegnete sinngemäß, dass ihm das herzlich egal sei, weil es ja am Ende doch irgendwann darum ginge, brutale Täter „einzusperren“ (er war ganz, ganz kurz davor, „wegzusperren“ zu sagen), um die Bevölkerung vor ihnen zu schützen. (Zitat: „Ich habe als Innenminister auch eine Verantwortung, die Bevölkerung möglichst vor solchen Straftätern zu schützen. Soll ich hier das Risiko eingehen, dass die in ein paar Wochen wieder in der Münchner U-Bahn über jemand herfallen? […] Wenn einer im Alter von 30 so etwas macht, dann wird der eben auch einfach eingesperrt.“)

Daraufhin sagt der Professor, schön und gut, aber es gibt ja jetzt schon die Möglichkeit, Jugendstrafen bis zu zehn Jahren zu verhängen, und Sie wollen das auf fünfzehn Jahre erhöhen. Sagen Sie mir doch mal genau, was die Maßnahme bringen soll. (Zitat: ”Wir haben doch im geltenden Jugendstrafrecht die Möglichkeit, bis zu zehn Jahre Jugendstrafe zu verhängen. […] Wir sprechen doch über eine Verschärfung […] von 10 auf 15 Jahren, und der Herr Minister muss mir jetzt begründen, warum 15 Jahre mehr bringen würden als 10 Jahre.”)

So. Erwischt. Der Innenminister hat sich in die Ecke geredet. Er hat nur zwei Möglichkeiten. Entweder: „Na, ich schütze die Bevölkerung fünfzehn Jahre lang und nicht nur zehn Jahre lang, Dummkopf!“ Oder: „Wissen Sie was, Sie haben Recht.“ (Natürlich entscheidet er sich, nach kurzer Unsicherheit, für Möglichkeit Nummer 3: gar nicht erst auf die Frage eingehen, sondern von etwas anderem reden, das thematisch ähnlich ist, damit das nicht so auffällt.) Und da ging es mir auf: Er kann dem Professor gar nicht Recht geben, selbst wenn er wollte. Was müsste er sich dann am Montag von den anderen Kindern anhören!

Politische Talkshows funktionieren nicht wie Diskussionen unter Freunden, wo man sich auch mal überzeugen lässt – wenn schon nicht vom ganzen Standpunkt des anderen, dann doch zumindest von dem einen oder anderen Argument. Vielmehr werfen sich die Kontrahenten Argumente an den Kopf, die dort dann im hohen Bogen abprallen und irgendwo auf dem Boden liegen bleiben, wo sie nie wieder aufgelesen werden. Die Diskussion kann überhaupt nirgendwo hinführen.

Und die Moderatoren wissen das natürlich, deswegen bemühen sie sich gar nicht erst. Sie versuchen daher nicht, irgendetwas zu klären, sondern beschränken sich – wahrscheinlich genauso frustriert wie die Zuschauer – darauf, Sendezeit zu verwalten und Stimulusmaterial zu liefern. Allerdings hängt ihnen aber auch die gängige Interpretation der Neutralität des Moderators wie ein Wagenrad um den Hals: Sie scheinen immer das Gefühl zu haben, gar keine Präferenzen für einen der Kontrahenten zeigen zu dürfen. Dabei wäre es doch genauso neutral, wenn sie – wie ein guter Lehrer in der Schule – gute und schlechte Argumente auch beim Namen nennen würden, solange sie dabei unparteiisch bleiben.

Was vom Tage übrig blieb: Antenne Bayern kann einen überraschen, Politikern zuzuhören ist frustrierend, und stimmt bitte nicht für Roland Koch. Ich weiß, das ist viel verlangt für diejenigen, die von Haus aus zur CDU tendieren, aber bedenkte den Preis, den ihr dafür zahlt! (Hey, ich habe nie behauptet, neutral zu sein.)

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