Im Namen der Vielfalt

Eigentlich möchte ich ja vermeiden, dass das hier zu einem weiteren Medienblog wird, wie es schon so viele gibt. Aber ich stelle fest, dass die meisten Beiträge in letzter Zeit irgendeinen Medienbezug haben. Und bei diesem wird es nicht anders werden.

Ich gelobe in Zukunft Besserung.

Bis dahin aber erstmal Folgendes: Das ZDF nervt. Aber weil dies Erkenntnis an sich schon seit Ewigkeiten keinen Nachrichtenwert mehr hat, hat sich Intendant Markus Schächter offenbar gedacht, er könnte „das ZDF nervt“ ein bisschen aufpeppen und mit Inhalt füllen. Und darum hat er dem Kressreport (einem Medienbranchen-Magazin) ein Interview gegeben.

Aber betrachten wir zunächst kurz, was bisher geschah:

1. ARD und ZDF wollen mehr Geld. Im Speziellen wollen sie sogar mehr Geld, als selbst die dafür zuständigen Ministerpräsidenten ihnen zugestehen wollen. Und das liegt nicht daran, dass die Ministerpräsidenten das Geld gern für sich hätten, denn da kämen sie eh nicht ran: Es geht ja um die GEZ-Gebühren und nicht um irgendwelche Steuern.

2. Die Einschaltquoten des ZDF sinken. Das liegt vermutlich vor allem daran, dass Quotenmessungen nur in Privathaushalten stattfinden und damit nicht in Altersheimen. Und so bewegen sich denn die Marktanteile des ZDF bei den Zuschauern unter 50 Jahren rapide auf das Niveau von Super RTL zu. Und wenn dann doch einmal ein jüngerer Mensch ZDF sieht, dann solche Leuchtbojen des Qualitätsfernsehens wie „Unser Charly“ (mit einem Schimpansen in der Hauptrolle) oder „Wetten, dass…“ (ähm… dito, eigentlich).

3. ARD und ZDF sehen sich bedroht von den „neuen“ Medien, die seit ca. 1995 herumschwirren und seit ca. 2005 ähnliche Dinge machen wie ARD und ZDF: Nachrichten, audiovisuelle Unterhaltung, den ganzen Kram eben. Wenn niemand mehr fernsieht, sieht niemand mehr ARD oder ZDF, und wofür soll man dann die ganzen GEZ-Gebühren verwenden? Also müssen ARD und ZDF ja nun auch dringend im Internet, auf dem Handy und überhaupt überall mitspielen dürfen.

Scheint alles nicht so richtig viel miteinander zu tun zu haben, oder? Tja, falsch gedacht. Markus Schächter hat die Verknüpfung geschafft. Im Prinzip – auch wenn ich ihm jetzt vielleicht eine etwas ungestümere Ausdrucksweise in den Mund lege, als er sie verwenden würde – hat er Folgendes gesagt:

„Ja, das mit den ‚jungen‘ Zuschauern – also denen unter 50 Jahren – das haben wir in den letzten zwanzig Jahren ziemlich versemmelt. Okay, vielleicht hätten wir die Ohren aufstellen sollen, als wir in den 90ern diese Videospiele-Sendung am Nachmittag gemacht haben, die sich überwiegend Rentner angesehen haben. Aber es ging ja auch so ganz gut. Wir machen ‚Programm für alle‘, und wenn diejenigen, die die Wechseljahre noch vor sich haben, nicht sehen wollen, dann ist das schließlich deren Problem und nicht unseres.

Wir dachten halt, wenn die erstmal die Midlife Crisis hinter sich haben, kommen die schon zu uns. Aber jetzt stellt sich raus, dass unsere Zuschauer immer älter werden – das geht natürlich nur, wenn von unten keine 50- und 55-Jährigen mehr nachkommen. Und das ist ja irgendwie doof.

Aber wir haben jetzt rausgefunden, woran das liegt. Einerseits haben wir vielleicht die Popularität von Volksmusiksendungen einen Tick überschätzt in den letzten zwanzig Jahren. Darum machen wir jetzt ein bisschen weniger davon. Andererseits liegt es aber daran, dass die ganzen Jungspunde gar kein Fernsehen mehr sehen wollen, sondern sich nur noch in diesem Internet herumtreiben und ständig am Handy hängen. (Dass Sender wie RTL und ProSieben noch Massen von 14-49-Jährigen anziehen, ist ein vorübergehendes Phänomen, glauben Sie mir.)

Darum wollen wir das ZDF jetzt kühn in die digitale Online-Zukunft führen, wo wir die ganzen jungen Leute wiederfinden werden, die wir in den letzten Jahren verschreckt haben, und die auf den Anblick eines ZDF-Logos unter anderem zu 67% mit Augenrollen und mit 12% mit faulen Tomaten reagieren. Sie sehen, wir haben Marktforschung zu dem Thema, wir sind super vorbereitet, das wird gar nicht so schwer.

Allein… ganz billig wird das nicht. Darum brauchen wir dringend das Geld, dass uns die Politik vorenthalten will. Mal gucken, was das Bundesverfassungsgericht dazu sagt.“

Okay, das war jetzt etwas sarkastisch überhöht. Aber Fakt bleibt: Das ZDF benutzt einen seiner schwersten strategischen Fehler der jüngeren Vergangenheit dazu, um zu argumentieren, dass sie für dessen Korrektur mehr Geld brauchen – und diese Korrektur beinhaltet rein zufällig eine Entwicklung, die das ZDF seit Jahren verfolgt. Und braucht, wenn es überleben will.

Denn mal ernsthaft: Wer braucht öffentlich-rechtliches Internet?

Das öffentlich-rechtliche Radio – und später das öffentlich-rechtliche Fernsehen – wurde eingeführt, weil es vergleichsweise wenig Übertragungskapazität gab. Um auszugleichen, dass zwischen den wenigen Sendern nicht allzu große Vielfalt zu erwarten war, baute man die Vielfalt eben innerhalb der Sender auf. Beim Internet hingegen… na, ich denke, über die Kapazität des, und Vielfalt im, Internet muss ich wohl nicht viel schreiben. Wir kommen hervorragend klar mit einem rein privaten Zeitungen- und Zeitschriftenmarkt, ein rein privates Internet würde uns nicht umbringen.

Darum blogge ich. Im Interesse der echten Vielfalt. Auch für unter 50-Jährige.

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