Ich hasse nicht den Fußball, sondern nur die WM

Juni 2006. Deutschland bereitet sich voll freudiger Erregung auf die bevorstehende Fußball-WM vor. Ganz Deutschland? Nein, denn eine Handvoll Mutiger stellt sich dem gesellschaftlichen Gruppendruck und bekennen: Ich hasse die WM.

Hallo. Ich bin einer davon.

Gut, dass ich mit Fußball so ganz viel auch an einem ganz durchschnittlichen Tag in einem ganz durchschnittlichen Jahr nicht anfangen kann, hatten wir ja schon mal. Aber ich hasse Fußball nicht; diesen Mythos sollte ich zunächst einmal aus der Welt räumen. Zugegeben, Ballsportarten sind insgesamt nicht unbedingt mein Ding. Es gibt vermutlich Flusspferde, die ein besseres Ballgefühl haben als ich. Und in der Schule war Ballsport, sei es Fuß-, Hand- oder Basketball, deswegen immer eine relativ unangenehme Angelegenheit, was einen ja auch prägt. (Nur Volleyball war halbwegs okay, da war der Ball wenigstens immer sofort wieder weg.)

Nein, es ist vielmehr so, dass ich mit Zuschauersport insgesamt wenig anfangen kann – auch bei Sportarten, die ich selbst mit Begeisterung ausübe. Skifahren auf der Piste? Cool. Skifahren im Fernsehen? Gähn. Da kann ich ja nicht mitmachen. – So ähnlich geht es mir im Übrigen auch bei Kochsendungen: Was habe ich davon, Leuten beim Kochen zuzusehen, wenn ich das Ergebnis dann nicht mal riechen, geschweige denn verzehren kann?! Ich schätze, mir fehlt bei Kochsendungen das Olfaktorische und Gustatorische, bei Sportübertragungen eben das Kinetische.

Nichtsdestotrotz habe ich, erst mal, nichts gegen Fußball. Die anstehende Weltmeisterschaft – die ich vorsichtshalber nicht FIFA-Dingens nenne, weil ich nicht aus dem Kopf weiß, wo das Trademark-Zeichen auf der Tastatur zu finden ist, und mich ohne das Zeichen nicht traue, den offiziellen, rechtsstreitfreudigen Namen zu verwenden – die nervt mich ohne ersichtliches Ende.

Und das Ganze ging ja, ähnlich wie Weihnachten, schon im letzten Spätsommer los. Nach und nach wurden als erstes unsere Supermärkte von offiziellen Produktpartnern und inoffiziellen Mitläufern und Nachmachern unterlaufen, bis gegen Ende des Winters anscheinend sogar der Osterhase kapitulieren musste und sich in vielen Geschäften mehr oder weniger entschieden hatte, die Schokoeiersaison 2006 einfach mal auszusitzen. Sein natürlicher Lebensraum war von lebensgroßen Jungstar-Nationalfußballern und Kunstrasenimitat-Auslagen einfach zu stark eingeschränkt worden. – Und nun, wenige Tage vor dem tatsächlichen Start des gemarkenzeichneten Events, ist es praktisch nicht mehr möglich, den Fußballwahn zu boykottieren und nur Lebensmittel zu verzehren, die nicht in irgendeiner Form Fußball-gebrandet sind. (Glaubt mir, ich habe es versucht. Man schafft gerade mal drei Tage – wenn man bereit ist, sich weitgehend von Salatsaucen zu ernähren.) Und wir dachten, der Hype zum Da Vinci Code-Film wäre schlimm…

Insofern ist schon mal eine hervorragende Basis für den WM-Hass gelegt. Was mich noch davor hätte bewahren können, wäre vielleicht ein ausreichendes Maß an Patriotismus gewesen – aber leider kann ich auch damit nicht dienen. Ich meine, ich verstehe eine gewisse Freude über die Schönheit des deutschen Grundgesetztes und vielleicht sogar Stolz darüber, dass sich Deutschland in den letzten sechzig Jahren von dem Original-Schurkenstaaten zu einer fast normalen Nation entwickelt hat. Aber spätestens, wenn es daran geht, dass deutsche Interessen vor den Interessen einer beliebigen anderen Nation stehen sollten, wird es bei mir mit der patriotischen Gesinnung eng: Klar ist das irgendwie doof, dass in Deutschland keine Turnschuhe mehr hergestellt werden (um zumindest am Rande des Sportthemas zu bleiben), aber wenn dadurch Arbeitsplätze in Vietnam oder Bangladesch entstehen, wo es vermutlich kein Arbeitslosengeld II gibt… hmm.

Endgültig vorbei ist es dann bei mir dort, wo es um den sprichwörtlichen Fußballpatriotismus geht. Warum, warum sollte ich ein Team aus elf vermutlich idiotischen, überbezahlten Deutschen einem Team aus elf vermutlich idiotischen, überbezahlten Ausländern vorziehen? Und vergessen wir nicht, dass es eigentlich einunddreißig Teams ausländischer Deppen gibt, so dass die Chancen gut stehen, dass ich, im Durchschnitt, besser mit einer anderen Mannschaften zurechtkäme als mit den Deutschen. (Plus, die meisten anderen könnten diesen deutschsprachigen Eintrag gar nicht lesen und würden mich daher im Gegensatz zu den Deutschen nicht von vornherein hassen.) Von Holländern und Engländern und den bizarren, beunruhigenden Stellvertreterkriegen, die zwischen ihnen und den Deutschen da auf dem Fußballplatz stattfinden, wollen wir lieber gar nicht anfangen.

Und damit kommen wir zum letzten Aspekt, der mir zugegeben nicht selbst bewusst geworden ist; aber seit ich darauf hingewiesen wurde, macht es mich fast noch mehr fertig als alles andere an der WM: „Die Welt zu Gast bei Freunden“? Ernsthaft?! Von der mäßigen sprachlichen Ästhetik dieses Motto einmal ganz abgesehen (und das ist schon schwer genug): Hat etwa irgend jemand das Gefühl, dass die Gastfreundschaft gegenüber unseren internationalen Freunden bisher besonders im Mittelpunkt des Interesses gestanden hat? Nachrichtensendungen beginnen (!) mit einer möglichen Verletzung eines deutschen Spielers, und am Ende des Sportblocks wird dann mit etwas Glück noch berichtet, wie die „Exoten“ (immer eine gute, überhaupt nicht diskriminierende Bezeichnung) aus Togo/Trinidad/Tuvalu ihr Quartier in Berchtesgaden/Bergisch-Gladbach/Bodenwerda bezogen haben. Und das war’s dann aber auch schon mit den Willkommensgrüßen.

Was für eine verschenkte Gelegenheit! Liegt das noch an der ja nun doch schon seit Jahrzehnten für alle Übel der westlichen Welt verantwortlich gemachten, stark strapazierten Kommerzialisierung? Oder liegt es an der deutschen Mentalität? Selbst von den Olympischen Spielen in fernen Ländern, sagen wir aus Sydney oder Lillehammer, ist mehr Wärme und Freundschaft in Deutschland angekommen als bei dieser WM. (Okay, von anderen, wie Atlanta oder Albertville, auch nicht so.)

Aber vielleicht eignet sich Fußball auch einfach nicht dazu, die Jugend der Welt zusammen kommen und ihre Vielfalt zelebrieren zu lassen. Bei Fußball geht es um Konfrontation, harte Fronten, Brachialität. Und abgesehen davon, dass man sich offenbar ein völlig irreführendes Motto als Lippenbekenntnis gab (und Franz Beckenbauer vorab in alle siebenundneunzig Teilnehmerländer schickte, was wohl mehr damit zu tun hatte, dass er die darauf verwendete Zeit über den Rest des Organisationskomitees nicht nerven konnte), wollte sich wohl auch in Deutschland 2006 niemand auf die harte Aufgabe einlassen, dieses Verständnis vom Fußball aufzuweichen.

Aber all das kann man ja niemandem erklären, der einen beim Smalltalk fragt, was man denn nun eigentlich gegen die WM hat, ohne vom „merkwürdigen Fußballhasser“ zum „merkwürdigen Langweiler und Fußballhasser“ zu werden. Und trotzdem möchte ich euch allen, die mir im Geiste zustimmen, zurufen (natürlich nur metaphorisch, versteht sich):

Gebt euch zu erkennen! Ihr seid nicht allein.

(Und Mitte Juli ist hoffentlich alles vorbei.)

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