Warum Wahlen nerven

Ach, Bundestagswahlen! Höchstes Instrument der spät erlernten, aber inzwischen tief in den allermeisten von uns verwurzelten Demokratie im deutschen Herzen Europas. Theoretisch.

Denn selten hat mich eine Wahl so genervt wie die Bundestagswahl 2005. Es war – und ist immer noch – nahezu unmöglich, die Nachrichten einzuschalten, ohne nach spätestens dreißig Sekunden die Augen zu verdrehen. Und wie so oft: Der Ärger muss raus. Darum hier also in halbwegs chronologischer Reihenfolge die nervigsten Aspekte der Wahl ’05.

Fangen wir mal mit dem Bundesverfassungsgericht an. Wir kennen die Story alle zu genüge: NPD-Kandidatin in Dresden stirbt; aus irgendeinem Grund ist es unmöglich, innerhalb von zwei Wochen neue Wahlscheine zu drucken, weswegen die Dresdner erst verspätet wählen dürfen; eine Handvoll der allgegenwärtigen Querulanten-von-nebenan klagen gegen die Veröffentlichung der Ergebnisse der restlichen Republik vor der Dresden-Wahl, weil… weil… weil die Dresdner ja mit ihrem zusätzlichen Wissen strategisch wählen könnten (was immer das heißen mag). In einem ganzen Wahlkreis, wohlgemerkt.

Aber als wäre das nicht schon augenrollwürdig genug, entscheidet das ehrenwerte Verfassungsgericht… gar nicht. Denn Wahlbeschwerden können erst nach der Wahl vorgetragen werden. Mit anderen Worten: Sollten sich die Querulanten-von-nebenan jetzt, wo die Wahl gelaufen und das vorläufige endgültige Wahlergebnis vom renitenten Bundeswahlleiter tatsächlich verkündet worden ist, erneut bemühen, könnte das Gericht jetzt durchaus entscheiden, dass die Verkündung rechtswidrig war – und dann könnten wir gleich wieder alle Wahlplakate aufhängen und weiterwählen. Tolle Aussichten.

Dann hatten wir einen durchschnittlich nervigen Wahlkampf (der wenigstens schön kurz war), und dann gab’s das Ergebnis. Und dann wurde zur Jagdsaison auf Meinungsforscher geblasen. Ich weiß nicht, wie’s euch geht, aber ich persönlich habe die letzten vier Wochen vor der Wahl keine „Sonntagsfrage“ gesehen, bei der nicht darauf hingewiesen wurde, dass irgendwo zwischen 15 und 25 Prozent der Befragten zwar wählen wollten, aber noch nicht wussten, wen. Journalisten, die ihren Lesern solche unglaublich kniffligen Feinheiten lieber nicht zumuten wollen, haben das natürlich gern mal irgendwo im Kleingedruckten versteckt und sind einfach mal davon ausgegangen, dass dieses Viertel der Wahlbevölkerung sich schon irgendwie so entscheiden würde wie diejenigen, die sich ihres Abstimmungsverhaltens schon sicher waren. Natürlich – weil das Leben eben so ist – hacken jetzt genau dieselben Journalisten auf den angeblich ungenauen Prognosen (und wir wollen mal gleich gar nicht davon anfangen, dass Sonntagsfragen beim besten Willen keine „Prognosen“ sind) der Wahlforscher herum. Und diese Idioten lassen sich das auch noch gefallen und spielen die kuschenden Duckmäuser, anstatt das Risiko einzugehen, dreißig Sekunden lang eine wissenschaftliche Erklärung abzugeben, die vielleicht ein Bruchteil des Publikums nicht versteht.

Überhaupt, die Journalisten! Eine der häufigsten Floskeln am Wahlabend (und danach) war zweifellos „der Wähler wollte offenbar diese komplizierten Machtverhältnisse“. Dass ich nicht lache! Wolltet ihr diesen idiotischen Koalitionspoker, dem wir derzeit ausgesetzt sind? Eben, ich nämlich auch nicht. Was aber weder Journalisten noch Politiker davon abhält, so zu tun, als sei das Wahlvolk ein einziges, großes Gestaltwesen, das sich nach reiflicher Überlegung entschieden hat, den Bundestagskuchen in die fünf Stücke von exakt dieser Größe zu schneiden, die nun vor uns liegen (und schön langsam anfangen zu stinken).

Liebe Journalisten, die korrekte Deutung lautet: Deutschland ist heute ein tief gespaltenes Land, in dem Mehrheiten nicht mehr so billig zu haben sind wie früher. Es geht nicht mehr um ein, zwei Millionen Leute, die mal so, mal so wählen und damit ein Pendel nach rechts oder links ausschlagen lassen. Es gibt nicht einmal mehr ein Pendel. Man nennt es Fragmentierung der Gesellschaft, und ja, das ist unübersichtlich und kompliziert. Und nein, ihr dürft euch deswegen nicht von der Brücke stürzen. Niemand mag Defätisten.

Und wenn wir schon bei Worthülsen und völlig verdrehter Wahrnehmung sind: Nein, Herr Schröder, Sie sind nicht der reinkarnierte Kaiser. Andererseits, liebe Frau Merkel: Sie haben beileibe keinen „ganz klaren Regierungsauftrag“. Rechnen wir das Wahlergebnis doch einmal rasch in einen 100-Meter-Lauf um: Wäre die CDU/CSU dabei glatte 10,00 Sekunden schnell gewesen, wäre die SPD nach 10,26 Sekunden ins Ziel gekommen – wahrhaftig kein berauschender Vorsprung.

Und dann ging’s ja erst richtig los: Die SPD versuchte, ihren Machtansprung mit den billigsten Tricks zu rechtfertigen („Wissen Sie, was uns grade eben zum ersten Mal aufgefallen ist: Eigentlich sind CDU und CSU ja zwei Parteien!“), anstatt sich einfach mal selbstbewusst hinzustellen und beispielsweise auf Schröders ewigen Vorsprung bei den Umfrageergebnissen zur hypothetischen Kanzler-Direktwahl hinzuweisen. Aber nicht, dass sich die Union in dieser Angelegenheit sonderlich mit rhetorischem Ruhm bekleckert hätte: Die stärkste Fraktion müsse natürlich den Kanzler stellen, weil, „das haben wir schon immer so gemacht!“ Ein Argument, das zumindest konsequent konservativ ist.

Und schließlich und endlich der klitzekleine Hinweis an alle Parteien: Zuerst habt ihr uns im Wahlkampf alle zwanzig Sekunden erzählt, dass Deutschland am Scheideweg steht; noch nie eine Wahl so wichtig war wie diese; genau jetzt entscheidende Weichen gestellt werden müssen; die metaphorische Brücke in die Zukunft auf tönernen Fundamenten steht, die schnellstens gefestigt werden müssen; und so weiter, und so fort. Das alles hat euch aber nach der Wahl bisher nicht davon abgehalten, euch in kleinkariertem Herumnölen, postmacchiavellischer Machtpolitik und überhaupt grundsätzlicher Konsensunfähigkeit zu verlieren. Wenn alles so düster aussieht in diesem Land, würdet ihr euch dann bitte zusammenreißen und miteinander arbeiten, anstatt eure Energie auf egoistische Kleinkriege zu verschwenden? Herrje!

So. Das war’s für diese Runde. Wenn wir dann – gefühlt im Januar, Februar – Neuwahlen haben, melde ich mich erneut zum Thema.

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