Aus den Augen, aus dem Sinn

Aber: „Wir bleiben in Kontakt!“ – Ja. Genau.

Vor kurzem wurde ich darauf hingewiesen, dass ich dieses Jahr eigentlich mein zehnjähriges Klassentreffen nach dem Abitur stattfinden würde. Das hat mich in zwei Richtungen denken lassen. Einerseits musste ich mich damit auseinander setzen, wie furchtbar alt ich inzwischen bin. (Unlängst traf ich auf ehemalige Klassenkameradinnen, die jetzt Lehrerinnen sind. Vergesst Ärzte, Anwälte und Manager: Wenn deine Altersgenossen alt genug sind, um Lehrer zu sein, wird dir klar, wie viel Zeit seit deiner Schulzeit vergangen ist.)

Andererseits fiel mir auf, wie wenig mich noch mit den alten Klassenkameraden verbindet, und mit wie wenigen ich überhaupt noch Kontakt habe. Wenn sich die Wege nach dem Abi-Ball trennen, dann trennt sich außerdem die Spreu vom Weizen. Da zeigt sich, welche Freundschaften echt und tief sind, welche nur oberflächlich waren, aus der Not geboren, oder eigentlich ohnehin nur strategische Allianzen. Denn in den allermeisten Fällen – sehen wir der Sache doch ins Auge – heißt es am Ende doch, dem Titel dieses Artikels folgend: Aus den Augen, aus dem Sinn.

Oberflächliche Freundschaften sind ziemlich selbsterklärend. Man dachte vielleicht sogar, man käme echt gut miteinander aus, aber in Wirklichkeit war man „nur“ Entertainment füreinander. Ich erinnere mich im Speziellen an einen Schulfreund, den ich immer für etwas merkwürdig hielt, und er hielt mich wohl auch für etwas merkwürdig, so dass sich alle anderen (die uns zweifellos und nicht ganz grundlos beide für merkwürdig hielten) fragten, wieso wir überhaupt befreundet sein konnten. Nach dem Abitur war es einfach zuviel Aufwand, in Verbindung zu bleiben, denn schließlich standen uns beiden plötzlich ganz neue Entertainment-Freunde zur Verfügung, die im neuen Umfeld sehr viel leichter zugänglich waren.

Aus der Not geborener Zusammenhalt – etwa, um sich gegen einen tollwütigen Physiklehrer behaupten zu können – sind noch kurzlebiger. Kaum ist die Gefahr gebannt, braucht man einander nicht mehr und lässt sich gegenseitig fallen (wobei „gegenseitiges Fallenlassen“ ein Konzept sein dürfte, das selbigen Physiklehrer zumindest bei der Berechnung von Fallgeschwindigkeiten ziemlich aus der Bahn werfen dürfte). Denn wie erkannten schon Keanu Reeves und Sandra Bullock irgendwann zwischen Speed und Speed 2: Beziehungen, die unter extremen Bedingungen entstehen, halten einfach nicht.

Strategische Allianzen kennt wohl auch jeder. „Hey, wenn ich mich mit den coolen Typen unterhalte, steigen bestimmt meine Chancen bei Janine.“ Oder, für die weniger Privilegierten in der Sekundarstufen-Hackordnung: „Hey, wenn ich mich mit den absoluten Losern unterhalte, sieht es wenigstens nicht so aus, als wär ich ganz allein.“ Von solchen Pseudo-Freunden wendet man sich ca. drei Sekunden nach Erhalt des Abschlusszeugnisses in einer Mischung von Anwiderung und Selbsthass ab.

Manchmal – um nicht ganz so zynisch zu sein – sind es aber auch einfach nur die Umstände, die althergebrachte Freundschaften beenden. Wenn mein bester Freund als Polarforscher am Südpol arbeiten würde, mir Polarforschung aber total egal wäre und ich es außerdem nicht ertragen würde, dass er immer noch keine Interpunktionsregeln in seinen e-Mails einhält, dann wäre diese Beziehung wohl bald am Ende. – Andersherum retten sich manchmal auch Freundschaften, die es eigentlich nicht verdient hätten, einfach dadurch über die Runden, dass der jeweils andere ein irrsinnig interessantes Leben führt, über das man einfach alles erfahren muss, beispielsweise als persönlicher Assistent von Angela Merkel.

Was denn?! Na gut, ich werde in Zukunft härter an meinen Beispielen arbeiten.

Aber es ist ja außerdem nicht so, dass solche nicht-fortgesetzten Freundschaften auf die Schulzeit beschränkt wären. Mit wie vielen Leuten ist man im Studium (oder während der Ausbildung) zusammen gekommen, die man fünf Minuten nach der Diplomparty vergessen hat, und von denen man heute nur noch sechs Monate alte Nachrichten aus dritter Hand erhält? Und dabei müsste es da nochmal einfacher sein, Kontakt zu halten (oder einfach so über einander zu stolpern), denn schließlich sollte man mit vielen von ihnen in einigermaßen derselben Branche arbeiten.

Wenn man nun die Schule oder ein Studium abschließt, bleibt einem ja vergleichsweise wenig übrig, als sich in alle Winde zu zertreuen. Aber wenn jemand einfach so den Job kündigt oder plötzlich den Wohnsitz um den halben Globus hinweg verlagert, ist die Situation gleich mal ein bisschen eine andere: „Hugo will ja nicht mehr zu uns gehören. Er will uns ja nicht mehr jeden Tag sehen.“

Hugo mag seinen schwerkranken Vater pflegen müssen, ein SOS-Kinderdorf in Myanmar gründen wollen, einen Heiratsantrag von Sandra Bullock annehmen oder das Angebot bekommen haben, als erster Mensch zum Mars zu fliegen; das kann ja wohl kaum aufwiegen, nicht mehr acht Stunden am Tag mit uns rumhängen zu können?! – Wenn man selbst derjenige ist, der gekündigt hat, sieht man die Dinge naturgemäß anders: Man trifft sich im Leben immer zweimal (außer beim Gotcha…); man ist ja nicht aus der Welt; und so weiter.

Wenn man sich seiner ja nun doch nur mäßig rechtschaffenen Verärgerung nicht bewusst ist, macht man es sich vermutlich nochmal schwerer, den Kontakt tatsächlich aufrecht zu erhalten. Bewusste Irrationalitäten kann man bekämpfen (ich tu’s jeden Tag!), unbewusste nicht so sehr. Und damit ist ist meine Mission für heute nahezu erfüllt – ich habe euch, meinen Lesern, diese marianengrabentiefe Lebensweisheit nahegebracht und damit die Welt ein winziges Bisschen besser gemacht.

Und das alles, ohne alte Freunde googlen und anschreiben zu müssen. Cool.

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