Nackt und durchgeschwitzt

Also, wenn der Titel die Zugriffszahlen für diese Website nicht in die Höhe treibt, dann weiß ich’s auch nicht. Dabei wird auch dieser Artikel mal wieder weitgehend jugendfrei sein. Tut mir Leid, euch enttäuschen zu müssen.

Es geht um das seit ein paar Jahren grassierende Wellness-Phänomen und da im Speziellen um den Klassiker desselben, die Sauna. Das ist nämlich so eine Sache, mit der es mir genauso geht wie mit Formel-Eins-Rennen, Jogging, Columbo, Wolfgang Petry oder Forelle Müllerin: Millionen Leute lieben es, aber ich versteh’s einfach nicht.

Es geht also ums Relaxen, ums Sich-Entspannen, ums Wohlfühlen. Andererseits geht es aber auch ums Nackt-Sein, ums Rumhängen und vor allem ums Schwitzen. Nun ist Schwitzen etwas, mit dem ich vertraut bin; in den allermeisten Situationen kann ich Schweiß auch ohne die Hilfe institutionalisierter überheizter skandinavischer Holzhütten hervorbringen, und das sogar in durchaus ansehnlichem Maße. Dass daran etwas intrinsisch Entspannendes liegen sollte, hat sich mir hingegen bislang noch nie offenbart. „Hey, mein Körper schaltet sein Kühlsystem an; ich fühle mich ja so relaxt!“ Nicht wirklich.

Aber vielleicht bin ich eh nicht zum Entspannen gemacht. Das nächste Problem, das sich mir stellt, ist nämlich: Was soll ich denn in der blöden Sauna denn bloß anfangen? Durch die typischerweise hohe Luftfeuchtigkeit schließt sich ja aus, dass man irgendwas mitnehmen könnte, um sich die Zeit zu vertreiben. Ein Buch? Klar, wenn das Buch eh nicht so toll ist und man sowieso gerade ein bisschen Pappmaché braucht – warum nicht? Auch jede Art von Unterhaltungselektronik schließt sich so ziemlich aus, es sei denn, man findet eine Möglichkeit, die Gesetze der Physik zumindest in Bezug auf die Kondensation von Luftfeuchtigkeit auszuschließen.

Außerdem möchte ich das mal sehen, was da passiert, wenn man mit, sagen wir mal, einem MP3-Player in eine öffentliche Sauna kommt. Saunagänger sind nämlich, das kann man sogar aus der Entfernung schon ziemlich sicher sagen, furchtbar sektiererisch. Natürlich geht es darum, sich zu entspannen und sich wohl zu fühlen – aber bitte nur, wenn man auch alle Regeln, Verordnungen, Vorschriften und Gesetze beachtet, die es in mehr oder minder kodifizierter Form für jeden kleinsten Bereich des persönlichen Freiraums zu geben scheint. Manche Sachen macht man in der Sauna einfach nicht, so wie man in der vollbesetzten Straßenbahn einfach nicht furzt.

Um eins klarzustellen: Ich bin absolut für das Nicht-Furzen in Straßenbahnen, weil dieses Verbot definitiv die Lebensqualität der Leute um einen herum hebt. Wenn man hingegen in der Sauna seinen MP3-Player durch Benutzung aufs Spiel setzen oder – Schockschwerenot! – Kleidung tragen möchte, dann ist das meiner Meinung nach die Sache jedes einzelnen, und die anderen sollen sich nicht so anstellen.

Gerade in der Beziehung verstehen die Leute ja überhaupt keinen Spaß, obwohl das ganz sicher dem Sinn und Zweck der Sauna entgegen läuft: Ich kenne jede Menge Leute, die sich ganz sicher mehr entspannen würden, wenn sie sich nicht komplett entblößen müssten; und anders herum auch sehr viele Leute, bei denen sich die anderen mehr entspannen könnten, wenn sie unentblößt blieben.

Auch begeisterte Saunagänger (man erkennt diese Leute ja nicht auf Anhieb, so dass man sich durchaus mal mit welchen anfreundet und dann früher oder später zwangsläufig in einschlägige Gespräche eingebunden wird) haben bisweilen Probleme, komplette Entspannung in der Sauna an den Tag zu legen. So wird mir von jemandem berichtet, er habe zunächst immer Angst gehabt, dass sich sein bisweilen unvermeidbarer, ahem, Enthusiasmus für die nackten Körper seiner Mitsaunenden anatomisch bemerkbar machen könnte (haben das alle verstanden oder muss ich eine FSK 18-Variante dieses Satzes anbieten?). Diese Sorge hatte ich eigentlich nicht – bis ich auf die Möglichkeit aufmerksam gemacht wurde.

Meiner eigenen, überraschend adäquat kontraintuitiven Form der Prüderie hingegen kommt folgende Schilderung sehr viel näher: Eine Bekannte berichtet mir, sie habe in öffentlichen Saunas jedesmal die Befürchtung, ein Bekannter oder Kollege könnte jede Sekunde zur Tür hereinkommen. Das kann ich sehr gut nachvollziehen – nicht so sehr, weil ich mich vor diesen Leuten nackt schämen würde, wie man annehmen könnte. Nein – ich will einfach nicht wissen, wie Freundinnen und Kolleginnen nackt aussehen. Das wäre zuviel Information, um weiterhin ungehemmt mit ihnen umgehen zu können. Wahrscheinlich könnte ich der jeweiligen Frau monatelang nicht in die Augen sehen; und auf andere Körperteile erst recht nicht; dem Arbeitsalltag wäre das sicher nicht förderlich.

Ich weiß, dass die meisten Leute damit überhaupt kein Problem hätten. Aber außerhalb der Sauna – sagen wir mal, im Büro – würden sie sich ihre nackten Körper andererseits auch nicht zeigen („Klopf klopf, kann ich reinkommen?“ – „Sicher. Ich hab mich zwar eben vollgekleckert und zieh mich grade um, aber warum nicht? Hier, halt doch mal meinen BH.“).

Warum also dieser FKK-Fanatismus? Weil man sich verletzlich fühlt, wenn man nackt ist und jemand anderes nicht? Weil man sofort merkt, wie lächerlich das alles eigentlich ist, wenn jemand anderes die Konvention bricht? Um sich als besonders progressive Bewegung von der Prüderie der – zugegeben nach und nach schwindenden – Massen abzusetzen? Weil Saunas in Wirklichkeit eine Erfindung eines besonders faschistischen Scientology-Arms aus Finnland sind? Wer weiß…

Wie auch immer – irgend etwas stimmt mal wieder nicht, entweder mit mir oder mit dem Universum. Angesichts des Erfolgs von Cherry Coke, Hinter Gittern und Xavier Naidoo tippe ich auf ’s Universum…

Advertisements
Explore posts in the same categories: Beobachtungen

Schlagwörter: ,

You can comment below, or link to this permanent URL from your own site.

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: