Die planlose Generation

Im vorletzten Spiegel fand sich ein überlanges Essay – so lang, dass es wahrscheinlich die Titelgeschichte gewesen wäre, wenn nicht irgend jemand die überall aus dem Boden schießenden Windräder für provokanter gehalten hätte – zum Thema „40-Jährige“. Ohne Scheiß. Es ging darum, dass die 1964 geborenen dieses Jahr vierzig werden (einer hin, zwei im Sinn… hey, stimmt!). Und dass das doch eine Generation ist, die echt arm dran gewesen ist.

Ich erwähne das aus zwei Gründen: Einmal, um den Vorwurf des Plagiarismus gleich vom Tisch zu haben. Unser heutiges Thema fiel mir nämlich schon am Samstag vor der Spiegel-Veröffentlichung beim Autofahren ein. Darum möchte ich an diese parallele Entwicklung von Themen ganz offensiv deutlich herangehen. Und zweitens, um zu sagen: Wie cool ist das? Hochbezahlte Spiegel-Redakteure und ich kleiner Furz haben dieselben Ideen zur selben Zeit. Nur, dass ich nicht zehn Seiten Essay brauche, bis ich zum Punkt komme – und meine Artikel in den allerseltensten Fällen mit randständigen Anekdötchen beginnen.

Meine Gegenthese lautet nämlich: Die Generation, die wirklich arm dran ist, ist – wen wundert’s – die meine: Die Generation derjenigen, die Mitte der 70er Jahre in Westdeutschland geboren wurden, so etwa von ’73 bis ’77. Die planlose Generation.

Ich will gar nicht behaupten, dass wir es besonders schwer hatten oder haben. Genauso wenig hatten wir es aber auch besonders gut. Und nur, um diesem Missverständnis gleich mal zu begegnen: Ganz sicher gehören wir nicht zu irgendeiner Automarken-benannten Generation.

Meine These lautet vielmehr: Wir sind die Planlosen. Die Identitätslosen. Die, die niemand auf der Rechnung hat. Die sich irgendwie durchwurschteln müssen. Dreierlei Gründe möchte ich dafür anführen:

Erstens. Unsere Eltern. Liebe Menschen, ganz gewiss, aber leider niemand, an dem man sich abarbeiten konnte. Die Jahrgänge vor uns hatten entweder ’68er Revoluzzer als Eltern oder reaktionäre Konservative; da wusste man wenigstens noch, wogegen man rebellieren mochte. Ich meine, entweder wendet man sich gegen einzwängende tradierte Werte und langatmiges Politisieren oder gegen ausufernde Nacktheit und langatmiges Politisieren; kann ja nicht so schwer sein. Später, so ab zirka ’78 dann, wurde „ein gutes Elternteil sein“ ein Wert an sich, und Rebellieren wurde noch einfacher: Man musste einfach nur das tun, was es den Eltern möglichst schwer machen würde, „richtig“ zu reagieren und sie damit zur Weißglut treiben.

Aber wir? Wir haben Eltern, die sich darauf konzentriert haben, uns ohne größere Schäden großzuziehen – ohne irgendeinen Masterplan für unseren Lebenslauf zu besitzen. Wir wurden behütet, aber nicht zu sehr; verhätschelt, aber nicht mehr als sie sich selbst verhätschelten; und für die schwierigen Fragen der Wertevermittlung gab es ja schließlich die Schule. Wahrscheinlich hatten sie genug damit zu tun, sich ihrer eigenen Identität gewahr zu werden, so wie wir heute versuchen, unsere Identität zu finden.

Zweitens. Von uns gibt es nur so wenige. Zum ersten Mal seit Kriegsende hatten die Deutschen um 1970 rum keinen Bock mehr aufs Kinderkriegen, und die Verbreitung der Anti-Baby-Pille half ihnen stark dabei, diese Geisteshaltung auch tatsächlich umzusetzen. Da ist es kein Wunder, dass es heutzutage anderthalbmal soviele Enddreißiger in Deutschland gibt wie Endzwanziger. Der Spiegel macht eine große Sache aus der wahnsinnige Menge an ’64ern, die sich angeblich ständig im härtesten Wettbewerb um die besten Uni-Plätze und Jobs miteinander befanden.

Mit anderen Worten: Aus unserer Generation muss man so ziemlich das nehmen, was kommt, denn so groß ist die Auswahl ja nicht? Na danke. Wir sind diejenigen, die nur noch aus sechs Leistungskursen auswählen konnten statt aus zwölf. Wir sind diejenigen, bei denen Jugendzentren mangels Jugend geschlossen wurden. Wir sind diejenigen, die eines Tages für geschlagene zehn Jahre die Rente der ganzen ’64er werden bezahlen müssen. Und weil es von den ’64ern so viele und von uns so wenige gibt, sind wir nie die Zielgruppe; wir werden immer Produkte verwenden müssen, die für Leute gemacht sind, die zehn Jahre älter sind als wir.

Wir sind immer die Generation des Übergangs. Wenn wir dran sind, muss man sich erstmal auf den neuen demografischen Sachverhalt einstellen, bevor man irgendwelche Anpassungen durchführen kann. Wir sind die Versuchskaninchen. Wir sind diejenigen, die irgendwie durchgeschleust werden, bis die Pilotprojekte vorüber sind.

Drittens. Wir sind heute allerhöchstens dreißig Jahre alt, aber was sich zu unseren Lebzeiten schon alles in der Welt verändert hat, geht auf keine Kuhhaut mehr. Aufgewachsen sind wir mit einer klar in Ost und West (okay, und Jugoslawien und Ungarn) aufgeteilten Welt, und kaum hatten wir alles über die SED und die FDJ gelernt, und noch bevor wir aus der Pubertät heraus waren, hatte sich alles verändert. Unsere Feindbilder waren verwischt, unsere Unterhaltungskultur mit ihren bösen Russen und guten Amerikanern aufgeschmissen. Ich sag ja gar nicht, dass das alles besonders schlecht gewesen wäre – schließlich mussten DDR-Kinder jetzt nicht mehr diese blauen Hemden anziehen, wenn sie es nicht wollten – aber es war ganz gewiss desorientierend.

Oder ein Beispiel aus dem Alltag: Als wir klein waren, haben wir auf einem Commodore 64 pixelige Spiele von Audio-Cassetten geladen und Leute bewundert, die per Telefonhörer zwei Computer miteinander kommunizieren ließen; heutzutage laden wir uns unsere hoch auflösenden Spiele von CDs, die fast Audio-CDs sein könnten, und kaufen über DSL rund um die Uhr bei Amazon Australia ein.

Und wenn man das jetzt alles zusammen nimmt, ist es dann verwunderlich, dass wir als Generation im Großen und Ganzen immer noch desorientiert und planlos wirken? Dass wir immer das Gefühl haben, auf uns selbst gestellt zu sein? Wahrscheinlich haben wir auch ein paar gute Eigenschaften dadurch mitbekommen – Selbständigkeit, Flexibilität, Nachdenklichkeit.

Was wir andererseits so gar nicht mitbekommen haben, ist Zusammenhalt. Wenn Vertreter anderer Generationen ihre „weißt du noch“-Gespräche abhalten, können wir meist nur mit den Schultern zucken. Weißt du noch, ob du nach Tschernobyl im Regen spielen durftest? Weißt du noch, ob du in der ARD oder bei SAT.1 die Mauer hast fallen sehen? Es ist nicht dasselbe. Wir haben nicht mal unsere eigene Musikrichtung: Wave haben wir von unseren großen Brüdern, Techno von unseren kleinen Schwestern gestohlen, und der fur uns überaus angemessen verwirrt klingende Grunge war eine ziemliche Totgeburt.

Aber wenigstens wird der Spiegel in zehn bis zwölf Jahren zweifellos auch über uns ein Essay drucken, und das ist doch auch schon mal was.

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