Freunde

Ob wir, also Sie, die zufälligen Leser dieser Seite, und ich, schon Freunde sind, wage ich mal zu bezweifeln. Aber nach einem knappen Jahr und acht kontraintuitiven Artikeln kennen wir uns wohl gut genug, um einander zu duzen. Wenn euch das nicht passt, geht doch woanders hin und lest irgendein anderes langweiliges Blog.

Nein, nein, bitte, bleibt hier!

So, nachdem das aus dem Weg ist, soll es heute um Freunde gehen – ihr wisst schon, diese Menschen, die… hm. Naja, dazu kommen wir noch.

Fangen wir mal anderswo an: Kennt ihr die Fernsehserie Friends? Selten hat eine Sendung einen angemesseneren Titel getragen, wie ich finde. Einmal ganz davon abgesehen, dass sie wirklich ziemlich lustig ist (zumindest im englischen Original; erinnert mich bei Gelegenheit daran, einen Artikel über die gruselige deutsche Synchronisation zu schreiben), ist der Lebensentwurf, der dort propagiert wird, ein ungemein attraktiver: Sechs Freunde um die 30 hängen ständig miteinander rum und teilen alle Höhen und Tiefen ihres Lebens.

Natürlich ist das für die meisten von uns völlig utopisch. Wer hat schon fünf derart gute Freunde, die auch noch allesamt höchstens einen Steinwurf voneinander weg wohnen und ausreichend flexible Arbeitszeiten und nah beieinander liegende Arbeitsstätten haben, um zu jeder beliebigen Tageszeit miteinander rumhängen zu können?

Obwohl – die Idee an sich ist interessant, und wohl auch nicht ganz neu: Mein alter Englischlehrer bestand immer – vielleicht etwas zu sehr… – darauf, dass die ganze Kontroverse (naja, so kontrovers man unter Literaturwissenschaftlern halt werden kann) um William Shakespeares mögliche Homosexualität auf ein Missverständnis zurückzuführen sei. In elisabethanischer Zeit wurde nämlich angeblich die Freundschaft zwischen zwei Männern einfach als wichtiger erachtet als die Liebe zwischen Mann und Frau. Und darum hing Shakespeare lieber ständig mit diesem Earl rum und widmete ihm schwülstige Gedichte, als mit seiner armen Frau in Stratford ein paar Nachkommen zu produzieren.

Mal abgesehen davon, dass mir Shakespeares sexuelle Orientierung ziemlich wurscht ist (vielleicht beweisen wir erst mal schlüssig, dass er wirklich existiert hat, bevor wir seine Polung erörtern?), würde mich sehr interessieren, wie die Welt heute aussähe, wenn sich dieses Modell langfristig durchgesetzt hätte. Würden wir in weitgehend gleichgeschlechtlichen familiären Kleingruppen leben und bloß zum Kinderkriegen andersgeschlechtliche Kontakte pflegen? Wären wir glücklichere Menschen?

Jedenfalls hätten wir sicher mehr Freunde, denn das Freunde-Finden ist nun wirklich nicht so einfach. Ich würde sogar soweit gehen zu behaupten, eine neue Freundin findet sich einfacher als neue Freunde. (Was soll das heißen: „Das sagt ja grad der Richtige“?!)

Ernsthaft: Die Suche nach Liebe, Sex und Zärtlichkeit ™ ist vielleicht oft frustrierend und verhängnisvoll, aber zumindest ist sie in unserer Gesellschaft festen Regeln unterworfen, fast schon ritualisiert. Boy meets girl (jaja, oder umgekehrt!); Boy spricht Girl an; Girl weiß, was Sache ist; sie beschnuppern sich und kommen früher oder später zu einer Entscheidung.

Ganz anders bei der Suche nach neuen Freundschaften: Hier gibt es keinerlei anerkannten Kodex. Du gehst nicht einfach in einer Bar zu einem anderen Kerl und sagst: „Hey, scheiß Ausbeute, oder? Wie wär’s, wollen wir beide wenigstens Freunde werden?“ Und wenn man das macht, wage ich jetzt mal ganz mutig vorherzusagen, dass sich noch weniger Erfolg einstellen wird als bei den Mädels.

Nein, ab einem bestimmten Alter ist es schwerer, neue Freunde zu finden, als im Lotto zu gewinnen – der Pool potenzieller Freunde wird einfach vom Kindergarten über Schule, Studium/Ausbildung bis zum Berufsleben immer kleiner. Denn erstens haben die Leute ja alle schon Freunde – wer weiß, ob sie noch einen brauchen! Und zweitens sinkt die Anzahl von in Frage kommenden Leuten: 20 von 25 Kindern in der Igel-Gruppe im Kindergarten sind taugliche Freunde; in einem mittelgroßen Unternehmen mit vielleicht 100 bunt gemischten Mitarbeitern sinkt die Treffermenge auf vielleicht eine Handvoll interessanter Kandidaten.

Und: Auf der Suche nach der Partnerin Für’s Leben Oder Zumindest Einen Teil Davon weiß man mehr oder weniger, was man am Ende haben will. Demgegenüber: Was ist ein Freund? Wie viele Abstufungen von Freund gibt es? Neulich habe ich irgendwo gelesen, ein Wirklich Guter Freund ist jemand, mit dem man über Geld, Sex und den Tod spricht. Äähm… gleichzeitig?!

Um also auf den Boden der Tatsachen zurück zu kommen: Kein Schwein weiß wirklich, was ein Freund eigentlich ist – was die Sache natürlich auch nicht leichter macht. Und dummerweise habe ich hier auch keine Patentlösung anzubieten. Nur eins ist klar: Das ganz Schwierige an Freundschaften ist, dass sie symmetrisch verlaufen müssen. Du kannst ganz unilateral einen anderen von ganzem Herzen hassen, respektieren, fürchten, verachten, bemitleiden, bewundern oder beneiden. Du kannst dich sogar ganz allein jemanden verlieben, ohne jemals Feedback zu bekommen. Aber befreundet kann man nur mit jemandem sein, der zurück befreundet sein will. Das ist ein echter deal-breaker.

So, dieser Text neigt sich dem Ende zu, und ihr habt echt gedacht, es gibt jetzt eine Synthese am Ende dieses Artikels? Die große Auflösung, die alles klärende Formel? Habt ihr denn überhaupt nicht aufgepasst?

Was mich betrifft: Ich glaube, ich kaufe mir einen Hund.

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