Die Sensibilitätsübung

Hat euch euer Arbeitgeber auch schon Sensibilitätsübungen unterzogen? Oder den schlecht übersetzten „teambildenden“ (team-building) Übungen? Bei jedem Kommunikations- oder Persönlichkeitsentwicklungs-Seminar oder oft auch nur beim Betriebsausflug sind sie garantiert das Schlimmste, was einem passieren kann.

Diese Übungen kommen in zwei verschiedenen, aber gleich unangenehmen Ausprägungen: die kommunikative und die physische Übung. Die kommunikative Übung ist vor allem in Seminarräumen anzutreffen und beinhaltet immer das Stehen oder Sitzen in Kreisen oder Kleingruppen. Im Kreis wird meistens ein glorifiziertes Flaschendrehen veranstaltet, wo man anhand eines miniaturisierten Glücksrades einen unschuldigen Kollegen aussuchen muss, dem man dann irgendetwas Substanzielles mitteilen muss. Oder – noch schlimmer – man muss den Kollegen bewusst selbst auswählen, indem man ihm einen Ball zuwirft. In dem Fall kann man sich nicht mal mehr hinter dem „Ach sorry, aber ich muss ja was sagen, weil das Schicksal dich zufällig ausgewählt hat“-Gedanken verstecken.

Oder man steht in Kleingruppen, im schlimmsten Fall zu zweit, voreinander und wird vom Moderator (der so schlau war, sich rechtzeitig fortzubilden, um an genau diesen Übungen nicht mehr selbst teilnehmen zu müssen) aufgefordert, seinem Gegenüber drei Dinge zu sagen, die einem an ihm gefallen.

„Ähm… ja… ich finde es gut, wie viel Platz du deinen Kollegen lässt.“ (Zum Glück ist dein Büro am anderen Ende des Gebäudes.)

„Du bist ziemlich großzügig, glaube ich.“ (Ich hab dir neulich deinen Tacker gemopst und zu hast es nicht gemerkt.)

„Ich find’s toll, wie stilsicher du immer bist.“ (Selbstverliebte Schnepfe!)

Oder – weil man diese Grausamkeiten immer noch steigern kann – man muss dem Gegenüber drei Kritikpunkte nennen und ihn nach jedem Mal umarmen. Erstens wird man immer mit jemandem zusammen gewürfelt, den man nun nicht mal umarmen wollen würde, wenn gerade dessen gesamte Familie vor seinen Augen von einem blutrünstigen Killer dahin gerafft worden wäre. Und zweitens kann man genau diesem Menschen ja nun schlecht die wahren Kritikpunkte um die Ohren hauen, die man so bereit hätte.

„Neulich warst du gemein zur Empfangsdame, aber das weißt du eh schon.“ (Drum kann ich’s ja offen sagen.)

„Vielleicht gehst du mit deinem Individualismus manchmal zuweit.“ (Gott, wasch dich mal!)

„Ich glaube, manchmal bist du zu großzügig.“ (Waren das jetzt endlich drei? Ich muss gleich würgen!)

Nicht, dass die physischen Übungen nicht genauso als „unübliche und grausame Bestrafung“ durchgehen würden. Typischerweise im Freien abgehalten, wird hier von einem erwartet, dass man sich durch irgendwelche Netze wühlt, ohne Glöckchen zum Klingeln zu bringen, Mauern überklettert oder auf Balken oder Seilen balanciert. Dabei wird in den meisten Fällen eine fiktive Extremsituation angenommen, in der man sich als Gruppe gerade befindet (was mich persönlich meist gerade dazu einlädt, in den fiktiven Fluss mit den fiktiven Krokodilen zu springen, um mich der Angelegenheit zu entziehen).

Der totale, unglaubliche, echt voll coole Clou bei der Sache: Es ist nahezu unmöglich, diese Aufgaben zu lösen, wenn man nicht im Team zusammen arbeitet. Denn das Team ist ganz entscheidend im wirklichen Leben, und das Team muss daher auch bei diesen Mini-Robinsonaden im Mittelpunkt stehen. Die Starken helfen den Schwachen, das ist der Grundgedanke dabei. Leider ist es auch das Grundproblem, dessen sich, wie’s scheint, keiner der offenbar zu Recht arbeitslosen Sozialpädagogen bewusst gewesen ist, die sich mit der Entwicklung dieser hoch spannenden Übungen selbstständig gemacht haben.

Denn natürlich sind bei diesen Übungen die Schwachen immer dieselben, nämlich diejenigen, deren Stärken eben nicht im physischen Bereich liegen: die Übergewichtigen, die mit einem Mangel an Körpergefühl, diejenigen mit Höhenangst, und so weiter. Von den armen schwerbehinderten Kollegen, die nebendran sitzen und sich das alles aus sicherer Entfernung ansehen müssen, wollen wir mal gar nicht reden.

Und was passiert jetzt bei genau diesen Leuten, die zum siebten Mal erklären müssen, dass sie ganz sicher nicht über dieses Drahtseil laufen werden, egal, wie viele Leute sie sichern werden? Oder bei denen, die sich schon wieder erniedrigen lassen müssen, wenn sie von drei anderen über die Mauer gehievt werden müssen, weil sie alleine nicht rüber kommen würden? Baut sich bei denen ein Team-Effekt auf? Sicher nicht. Diese Leute sind sauer und enttäuscht und ziehen sich im schlimmsten Fall von der Gruppe zurück. Toller Erfolg! Und die armen Säue, die das Hieven erledigen müssen, sind bestimmt auch nicht übermäßig begeistert über den drohenden Muskelkater – und wenn sie es sind, dann waren sie auch vor der Übung schon soweit, wie die Übung sie auch unter optimalen Umständen nur bringen könnte. Alles in Allem: Ein kleiner Schritt für eine Abteilung, ein grauenvoller Absturz für die Sozialpädagogik.

Mit anderen Worten: Ich habe noch keine Sensibilitätsübung erlebt, die das erreicht hätte, was sie erreichen sollte. Vielmehr erschafft sie typischerweise Situationen, in denen man nur noch hofft, mit möglichst wenig Schaden für die eigene Würde und die Beziehungen zu den Kollegen wieder heraus zu kommen.

Hey, eine tolle Geschäftsidee ist es aber schon.

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