90 Grad Smilies

Heute ist der 31. Oktober 2003, und ich möchte betonen, dass ich hiermit heute als erster ein soziologisches Phänomen von hochgradiger gesellschaftlicher Relevanz festhalte. (Nicht, dass ich das recherchiert hätte, aber ich kann es ja erstmal behaupten, oder?)

Es geht um Smilies, gelegentlich auch etwas hochgestochener „Emoticons“ genannt. Falls Sie die letzten zehn Jahre in einer Höhle in den Abruzzen verbracht haben und heute zum ersten Mal versehentlich in ein oberitalienisches Internet-Café gestolpert sein sollten, will ich Ihnen gern erklären, was Smilies sind. (Außerdem: Prinzessin Diana ist tot, Gerhard Schröder ist Kanzler, und das World Trade Center steht nicht mehr. Und nein, Sie können nicht in Ihre Höhle zurück.)

Also. Es begab sich aber zu der Zeit, dass e-Mails weite Verbreitung fanden. Aber leider galten weiterhin die üblichen Einschränkungen für die non-verbale Kommunikation: Die Treffsicherheit, mit der Ironie, Augenzwinkern, Überhöhungen usw. erkannt werden konnten, war nicht besonders hoch. Darum dachten sich die Vorväter ein System aus, mit dem man gelegentlich Gefühlsausdrücke (emot-) in bildhaften Symbolen (-icon) ausdrücken konnte: die Smilies, die wir schon seit Jahrzehnten als grinsende gelbe Kreise kennen.

Da es damals aber noch keine HTML-Mails gab, sondern nur Zeichen dargestellt werden konnten, die auf der Tastatur vorkommen, drehten die Erfinder ihre Smilies um 90 Grad nach links. Aus einem lächelnden Smiley wurde so 🙂 oder aus einem weinenden :´-(. (Nein, das ist kein Muttermal, das ist der Punkt am Ende des Satzes!)

Das war, wie gesagt, vor vielen Äonen. Inzwischen gibt es Smilies für jede Eigenschaft des Autors („bin Raucher“), jedes physische Merkmal („bin Bartträger“), jede nur denkbare Emotion („bin gekränkt“). Irgendwo da draußen gibt es inzwischen sicherlich auch einen Smiley für „bin Nichtraucher, der sich heute morgen beim Rasieren geschnitten hat und deswegen etwas nölig ist“ und ähnliche Kontingenzfälle.

Wie auch immer – hier kommt der neue, spannende soziologische Effekt: Die Leute fangen an, alle Smilies um 90 Grad nach links zu drehen – auch die, die sie mit der Hand schreiben! Als erstes fiel es mir auf einer Glückwunschkarte im Kollegenkreis auf, wo jemand einen Smiley neben seine Unterschrift gemalt hatte – um 90 Grad nach links gedreht. Ich tat das als kuriose Eigenheit des betreffenden Kollegen ab.

Aber nun habe ich einen zweiten Fall gefunden: Ich kam an einem Spind vorbei, den jemand – etwas besitzergreifend – mit der Notiz „Das ist jetzt meiner ;-)“ versehen hatte. Auch hier war der Smiley in der stabilen Seitenlage.

Ich prophezeie hiermit: In dreißig Jahren werden alle Smilies um 90 Grad verdreht sein, und niemand wird mehr wissen, warum. Niemand wird sich auch nur darüber wundern, außer ein paar weltfremden Pseudo-Intellektuellen, die Leserbriefe an P.M. schreiben werden. Wo dann hoffentlich diese Website zitiert werden wird, so sie denn noch steht.

Ich freu mich schon drauf. 😉

Advertisements
Explore posts in the same categories: Beobachtungen

Schlagwörter: ,

You can comment below, or link to this permanent URL from your own site.

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: