In die Berg‘, da grüßt man jeden

Berge sind was Tolles, finde ich. Ich mag Berge. Die Nähe zu den Bergen ist ein Grund dafür, dass ich nach Süddeutschland gezogen bin. Ich bin fast jedes Wochenende auf irgendeinem Berg zu finden. Berge sind was Tolles.

Die Leute in den Bergen leider nicht immer.

Ein vermutlich für immer unlösbarer Konflikt ist der zwischen den Bergfreunden, die gnadenlos jedem arglosen Wanderer ein freudiges „Grüß Gott!“ oder, wenn Gott nicht ausreichen sollte, sogar ein völlig ironiefreies „Berg heil!“ entgegen schmettern – und den vernunftbegabten Menschen.

Jedes Mal, wenn einem jemand entgegen kommt, stellt sich also wieder die hochnotpeinliche Frage: „Ist das wohl ein Grüßer oder nicht?“ Spätestens auf dreißig Meter Entfernung muss man durch den in die Augen laufenden Schweiß das Gegenüber mustern und innerhalb von Sekunden im Menschenkenntnis-Zentrum des Gehirns eine Entscheidung treffen.

Denn wenn man einen Nicht-Grüßer grüßt, hat man erstens Atem verschwendet und ist unnötig aus dem Rhythmus gekommen; zweitens aber ist man außerdem irgendwie der Gearschte, denn der andere hat ja etwas von einem bekommen, ohne eine Gegenleistung erbringen zu müssen. Verpasst man es jedoch, einen Grüßer zu grüßen, ist man ebenfalls gearscht, denn man ist unfreundlich zu einem Menschen gewesen, der einem ansonsten nichts getan hat.

Und außerdem läuft man Gefahr, angepöbelt zu werden, wie ich vor ein paar Tagen erleben musste.

Ich habe Regeln fürs Grüßen am Berg. Nennen Sie mich neurotisch, aber so ist es halt. Und eine meiner Regeln lautet, dass ich im Umkreis von fünfzehn Minuten um eine Seilbahn-Station niemanden grüße. In diesem Bereich halten sich so viele Leute auf wie in München in der Fußgängerzone, und da grüße ich ja auch nicht jeden. Außerdem sind diese Leute zum großen Teil auch so ausgerüstet wie in der Fußgängerzone – und damit haben sie sich das Privileg des Berggrußes mal garantiert nicht verdient.

Nun begab es sich also, dass ich eine kleine Gruppe von vielleicht sechs bis acht Personen kurz hinter der Seilbahnstation überholte, ohne sie zu grüßen.

Schwerer Fehler.

„In die Berg‘, da grüßt man jeden“, tönt es hinter mir.

Ich drehe mich um und sehe den zweifellos selbsternannten Anführer der Gruppe, vielleicht fünfundsechzig, siebzig Jahre alt, Kniebundhose, Wollpullover. Instant-Klassifizierung: Nervensäge. Vermutlich will er sich vor den anderen profilieren. Ich entscheide mich, mir den spontan auf der Zunge liegenden Kommentar über den bajuwarischen Akkusativ zu verkneifen, und dem armen Kerl dafür eine generische Antwort zu geben, über die er vielleicht etwas nachzudenken hat: „Oder niemanden“, blaffe ich also zurück.

Sagte ich, er würde vielleicht nachdenken? Weit gefehlt. „In die Berg‘, da ist man nicht allein, da muss man sich beistehen!“ kontert er einigermaßen zusammenhangslos.

Wenn ich mit zwei Fingern über dem Abgrund hinge, und er der einzige in der Nähe wäre, um mich zu retten, würde ich vermutlich darauf setzen, dass ich spontan das Fliegen lerne. „Nur weil ich nicht jeden daher gelaufenen Wandervogel grüße, heißt das ja nun noch lange nicht, dass ich Sie nicht aus Bergnot retten würde.“ Obwohl ich mir in diesem speziellen Fall inzwischen nicht mehr so sicher bin. Ich werde zunehmend aggressiv.

Aber es ist eh nur bis „Wandervogel“ mitgekommen, und spuckt nun: „Überhaupt keinen Respekt mehr vor den Älteren, hast du, oder?“

Hä? Und ich meine nicht nur den Satzbau? „Was hat das eine denn mit dem anderen zu tun? Sie suchen doch Streit mit mir, einem Wildfremden. Liegt das etwa an Ihrem Alter?“ Der Rest seiner Gruppe sieht diesem ganzen Austausch übrigens ungerührt zu. Der Unterhaltungswert ist offenbar gar nicht schlecht.

„Na“, kontert er, „wenn ich ein hübsches junges Madl wär, hättst sicher gegrüßt.“

„Ach so“, sag ich, „wenn ich geahnt hätte, dass Ihr Interesse an mir von der Art ist…“

Den Rest der Unterhaltung möchte ich im Interesse des Jugendschutzes nicht öffentlich wiedergeben.

Aber das Problem ist hoffentlich deutlich geworden: Für manche Leute ist es überaus wichtig, von Wildfremden gegrüßt zu werden – offenbar, weil sie daraus ableiten können, wie man sich in einer Notsituation verhalten wird.

Ja, genau.

Dabei gibt man beim Grüßen auch so einiges von sich preis: Wer „Berg heil“ grüßt, ist entweder physisch oder im Geiste hundert Jahre alt – oder aber er verwendet den Begriff ironisch und ist folglich einer der neuen Generation Junger Intellektueller Bergsteiger (JIB). Wer „Grüß Gott“ sagt, outet sich – vor allem im nicht-bayrischen Teil der Alpen – umgehend als fantasieloser Deutscher. Versucht man hingegen, sich dem tirolerischen „griaß di“ oder „griaß enk“ anzunähern, wird man immer scheitern und sich blamieren.

Aber nach zwei Jahren Training und Testing hab ich jetzt die optimale Lösung: ein vernuscheltes „servus“. Ethnisch und sozial unverdächtig, und so kurz, dass es erstens in einen Atemzug passt und zweitens dennoch den Nicht-Grüßer nicht in ein schlechtes Gewissen stürzt.

S’rv’s.

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