Die Anamnese

Eins sei mal vorweg gesagt: Ich verstehe so gut wie überhaupt nichts vom Gesundheitswesen. Ich sehe die für Verständnis werbenden Plakate bei meinen offenbar total unterbezahlten und überengagierten Ärzten und Apothekern, und ich höre Politiker in regelmäßigen Abständen irgend welche gesundheitsreformatorische Vorschläge machen, die ebenso regelmäßig auf der Stelle von per se nicht weniger glaubwürdigen Politikern vom anderen Ende des Spektrums niedergeschrien werden. Kurz: Ich habe absolut keine Ahnung.

Genauso wenig verstehe ich eigentlich von Medizin. Meine letzte Biologie-Stunde war in der 9. Klasse, und ich war nicht traurig drum, nie wieder brutal aus der Halbhähnchen-Verwertungskette gerissene Hühner sezieren oder die unterschiedlichen Arten von Zucker auswendig lernen zu müssen. Alles, was ich über Medizin und diagnostische und therapeutische Prozeduren weiß, habe ich von ER gelernt, fürchte ich.

Genau deswegen weiß ich auch, was eine Anamnese ist, und darum geht es mir eigentlich heute – die krassen Unterschiede zwischen einer ER-Anamnese und so ziemlich jeder Anamnese, die ich in der letzten Zeit über mich ergehen lassen musste. (Oder eben auch nicht; wir kommen gleich dahin.) Bevor Sie das Fremdwörterbuch rausholen müssen, eine Anamnese ist der Teil jeder Untersuchung, wo der Arzt jede Menge Fragen stellt, um herauszufinden, was uns fehlt, ohne uns anfassen zu müssen.

Bei ER läuft das ungefähr so ab: Der Patient kommt rein und klagt über irgendwas, sagen wir Bauchschmerzen. Sofern seine aktuelle Storyline sich nicht darum dreht, wie er seine Pflichten aufgrund von psychologischem Trauma/Alkoholismus/Depression oder ähnlichem vernachlässigt, wird der behandelnde Arzt daraufhin einen Fragenkatalog von der Größe der Neckermann-Herbst/Winter-Ausgabe hervorholen und den arglosen Patienten unter anderem nach den Ernährungsgewohnheiten während seiner frühen Kindheit und gegebenenfalls auch nach den Allergien der Haustiere seiner Großeltern ausquetschen.

(Es sei denn, der Patient ist nicht versichert. In dem Fall seufzt der Arzt und verschreibt zwei Aspirin. Aber das ist ein anderes Thema.)

Bei mir läuft es meistens so ab: „Hallo, Herr Doktor, ich sehe immer so Flecken vor den Augen…“ – wumm! klatscht mir der Augenarzt irgendein Instrument vor die Pupille – „… so ungefähr, als wenn man in die Sonne geguckt hat.“ Ich erwarte, dass er eine weiterführende Frage stellen wird, aber sein Gimmick macht offenbar mehr Spaß. Nebenbei murmelt er irgendwas von „Nachbild auf der Netzhaut“. Ja. Ich weiß, dass ich nicht wirklich in die Sonne geguckt habe, ich sagte, es sei, als wenn ich in die Sonne geguckt hätte. Vielen Dank für die Aufmerksamkeit.

Ich nehme an, für Ärzte hören sich alle Patienten nach zehn Sekunden an wie Charlie Browns Lehrerin: „Mwah mwah mwah…“ Der Unterschied ist, dass Charlie Brown seine Lehrerin trotzdem versteht, auch wenn der Zuschauer keine Ahnung hat, was sie sagt.

Anderes Beispiel: Ich habe Ohrenschmerzen und gehe zum HNO. Gern hätte ich ihm die Art der Schmerzen näher beschrieben, aber versuchen Sie mal, kohärente Sätze rauszubringen, während Ihnen jemand die Ohren ausspült – was natürlich mal gleich als Allererstes erledigt werden muss. (Falls Sie das noch nie erlebt haben sollten: Es hört sich an, als wäre die Donau in Ihr Ohr umgeleitet worden, und Ihr Trommelfell muss als Staustufe einspringen.)

Dann passiert das Wunder: Er fragt mich was. Er fragt mich was! Nämlich, ob ich auch Schluckbeschwerden habe. Hm. Darüber muss ich nachdenken. Ich hatte am Vortag Probleme, ein gefrorenes Gummibärchen zu schlucken, während ich auf dem Rücken lag. Während ich noch überlege, ob das gilt, merke ich, wie sein Interesse nachlässt, und so beschließe ich, einfach ihn entscheiden zu lassen: „Ich hatte gestern Probleme, ein gefrorenes Gummibärchen zu schlucken, während ich auf dem Rücken lag,“ sagte ich hastig.

Er sieht mich mit genau dem Blick an, den ich ansonsten nur von einem Eichhörnchen mit Verdauungsproblemen erwartet hätte.

„Aber ich schätze mal, das ist so ein Allerweltssymptom, das Sie das ständig zu hören bekommen, oder?“ scherze ich, um das Eis zu brechen.

Er blinzelt ein paar Mal, dann sagt er: „Nein, eigentlich nicht.“ Na, wenigstens hat er Humor…

Aber ernsthaft: Was ist da los mit den deutschen Ärzten? (Oder ist ER so total weltfremd?) Müssen die Ärzte sich so sehr beeilen, um ihre Quote einzuhalten, damit sie genug Profit machen? Oder mögen sie sich einfach nicht auf ihre Patienten und das, was die so erzählen könnten, verlassen? Oder siegt hier einfach die direkte Empirie (ich sehe, also heile ich) über die indirekte?

Was immer es ist, es irritiert mich. Vielleicht muss ich mal zum Psychotherapeuten. Der kann ja eigentlich außer einer Anamnese nicht viel machen, oder?

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