Der Würstchen-Boykott

Heute morgen lief im Radio ein Werbespot, den ich absolut bescheuert fand, und zwar für Shell. Ein harmloser, aber unsagbar schlechter Spot. Ich hab mich sofort entschieden, Shell beim nächsten Tanken zu boykottieren. Aber wahrscheinlich hätte ich eh nicht bei Shell getankt.

Daran erkennt man schon, dass ich kein großer Boykottierer bin. Wissen Sie noch, wie irgendwann Mitte 2002 der große Teuro-Boykott laufen sollte? An einem bestimmten Tag – ich glaube, am 1. Juni – sollte man einfach nicht einkaufen gehen, um den bösen Ladenbesitzern zu zeigen, dass man sich schließlich auch nicht alles gefallen lässt!

Genau. Weil ich ja nicht am 2. Juni dafür die doppelte Menge Geld ausgegeben hätte. Vermutlich lachen sich die Einzelhändler bei ihren Geheimlogentreffen noch heute schlapp darüber und freuen sich, dass ihre Kunden so schön jegliche eventuell noch verbliebenen Zweifel über ihre Doofheit freiwillig vertrieben haben.

Aber darum geht’s ja eigentlich gar nicht. Es geht vielmehr um Werbespots. Der von Shell war nur schlecht, aber es gibt eine Firma, oder vielmehr eine Marke, deren Werbung mich wirklich ärgerlich gemacht hat, und die ich tatsächlich aktiv boykottiere (und das will was heißen).

Ich rede von Meica. Die machen die Würstchen, sagen sie.

Vielleicht erinnern sie sich. Vor einiger Zeit gab es mal eine Werbung von Meica für ihr Produkt „Truman’s“. Was nun Truman’s-Würstchen von anderen unterschied – fragen Sie nicht mich. Jedenfalls ging der Spot ungefähr so: Vater und sein kleiner Sohn kommen von irgendeiner Aktivität zurück (die ich inzwischen vergessen habe, aber zweifellos von der American way of bonding-Art war, also vielleicht Baseball-Spielen im Park oder so was). Mutti fragt demütig, was sie denn zu essen haben möchten. „Truman’s, Baby!“ antwortet der Vater auf eine Art, die in sogar schon in einem 50er-Jahre-Film als chauvinistisches Ekelpaket identifiziert hätte. Und natürlich guckt der Sohn sich das ab: „Truman’s, Baby“, macht er den Vater nach. Und Mutti gehorcht, und schon bald stehen dampfende Truman’s auf dem Tisch.

Nun kann man in meinem Körper die feministischen Fasern für gewöhnlich mit einer Hand abzählen, aber was zu weit geht, geht zu weit. Daddy bringt seinem Sohn bei, wie man Frauen herumkommandiert? Schauder! Der Spot ist schon einige Jahre alt; inzwischen dürfte das Kind in der Pubertät sein. Ich frage mich, wie es ihm da zu Beginn des neuen Jahrtausends ergeht mit seinen anerzogenen Nachkriegswerten…

Am Rande: Ich kann mir auch lebhaft vorstellen, wie irgendwo ein kreativbankrotter Werber in der Agentur saß und bei sich dachte: „Truman’s… True Man’s… des wahren Mannes Würstchen… hmm.“ Seien wir alle froh, dass er diesen Gedanken nicht ganz bis zu seinem logischen Ende gebracht hat!

Jedenfalls: Meica machte wacker weiter und präsentierte als nächstes einen Spot für das Produkt „Deutschländer“ Würstchen. Während bei Truman’s die Besonderheit der Wurst im Verborgenen blieb, erklärte man uns hier durch einen schlauen dramaturgischen Kunstgriff, was denn an Deutschländern nun so herausragend deutschländisch ist: Ein Würstchenmachermeister erklärt es seinem Lehrling, während militärisch-monotone Stampfmusik ertönt. Des Rätsels Lösung: In Deutschländern vereinigen sich die besten Bestandteile von Deutschlands beliebtesten Würstchen: Frankfurtern, Wienern, und Bockwürstchen.

Okay. Liebe Leute von Meica? Erstens, Frankfurter und Wiener sind dasselbe. Für wie blöd haltet ihr uns? (Ach so, okay… das hatten wir schon beantwortet. Mein Fehler.)

Zweitens, und viel wichtiger, Wiener? Wiener!? Seit wann ist Wien denn wieder deutsch? Hab ich irgendeinen Anschluss verpasst? In welchem Jahr lebt ihr Meicaner denn eigentlich? Diese Bereitschaft, historische oder geografische Gegebenheiten – und vermutlich beides! – zu ignorieren, wäre vielleicht nicht ganz so schlimm – wenn ihr es nicht dadurch geschafft hättet, auf eine chauvinistische (sexistische) Werbung eine chauvinistische (nationalistische) folgen zu lassen!

So. Genug aufgeregt. Ich hab Hunger. Vielleicht mache ich eine Dose Dörffler-Würstchen auf. Trotz Produktnamen wie „Lange Kerls“ oder „Stramme Jungs“ haben die es bisher geschafft, in ihrer Werbung weder schwulenfeindlich noch kriegstreiberisch zu wirken.

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