Bayern oder Löwen?

Vor einer Weile bin ich in den Raum München gezogen. Es dauerte höchstens ein paar Tage, bis mich einer der neuen Kollegen fragte:

„Und? Rot oder blau?“

Meine typisch eloquente Antwort darauf lautete natürlich: „Wie bitte?“

„Die Roten oder die Blauen?“

Man will sich ja nicht sofort einen Ruf als Schwachkopf einhandeln, aber ich hatte leider überhaupt keine Ahnung, wovon er sprach. Wir saßen in der Kantine, und so fragwürdig das Essen vor mir auch war, es war weder rot noch blau. Also gab ich zu: „Ich habe leider überhaupt keine Ahnung, wovon du sprichst.“

„Na, Bayern oder Löwen? Rot oder blau?“

Für den kulturell völlig Unbedarften wäre auch diese Klarstellung vermutlich wenig hilfreich gewesen, aber ich lebte ja doch schon ein Vierteljahrhundert in Deutschland und konnte somit schon mal entziffern, dass es um Fußball ging, Bayern München und 1860 München, um genau zu sein.

Leider gibt mir spectator sports so gut wie gar nichts, weswegen ich nicht nur keine Meinung zu dem Thema hatte, sondern auch keine Ahnung, wer nun rot war und wer blau; und mein Gegenüber wurde langsam ungeduldig. Ich war geneigt, blau zu sagen, weil das eine der Farben von Arminia Bielefeld ist, die ich aus einem vagen Lokalpatriotismus heraus bisher viertel- bis halbherzig unterstützt hatte.

Bloß hatte ich das Gefühl, dass es hier eine richtige und eine falsche Antwort gab, und ich die Entscheidung vielleicht doch nicht dem Zufall überlassen sollte.

Inzwischen waren andere Kollegen aufmerksam geworden. „Und sag nicht Haching, das glaubt dir eh keiner“, warf einer ein.

„Ich bin eigentlich gar kein Fußball-Fan“, versuchte ich es also.

„Ich ja eigentlich auch nicht“, schien mir eine Kollegin den Schulterschluss anzubieten, aber dann schlug sie doch erst recht auf mich ein: „Aber wenn die Bayern gegen die Löwen spielen… uiuiui! Da ist man ja schon dabei, so emotional.“

Na danke. Wenn sie es wenigstens so formuliert hätte, dass ich daraus eine Präferenz hätte ableiten können!

Offenbar, so dachte ich, ist der Münchner an sich nicht in der Lage, sich vorzustellen, dass es Menschen geben könnte, denen Fußball völlig egal ist. Inzwischen habe ich gelernt: In Wirklichkeit ist es so, dass Bayern und 1860 für zwei verschiedene Archetypen des Münchners stehen: den aufwärtsmobilen Erfolgstypen mit Snob-Appeal (Bayern) und den erdigen bajuwarischen Kumpeltypen (1860). Aber welcher sportlich herausgeforderte Norddeutsche kann das schon ahnen?

„Also?“

Also? Also Flucht nach vorn. „Eigentlich Arminia Bielefeld.“ Was, wie gesagt, absolut übertrieben war. Aber inzwischen wäre ich mit dem Etikett „fußballdoof“ völlig zufrieden gewesen. Jedoch, Wunder über Wunder, nach einem kurzen huddle wurde mir erklärt, dass meine vorgebliche Begeisterung für einen offenkundigen Underdog mich definitiv zum 1860er machen würde. Außerdem wurde mir auf die Schulter geklopft, was mich sehr erleichterte und alle Gedanken, gegen diese Einordnung „meiner“ Arminia zu protestieren, schnellstens vergessen ließ.

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